des Willenslebens unserer Schüler thun?
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als Gesamtpersönlichkeit sich darstellt und als solche
wirkt. Nichts erklärlicher als das. Sich selbst überlassen, gerät der
Einzelwille leicht auf Abwege und geht auf Unnützes. In der Gesamt
zucht dagegen wird die Disziplin zu einem festen Bande, das sich um
alle Glieder der Gemeinschaft schlingt. Dem einzelnen wird es leichter,
sich zu beschränken und zu beherrschen; der eine reißt den andern mit
sich fort, und die Gesamtzucht zieht alle. In der Hingebung vieler an
denselben Zweck findet sich der einzelne gewissermaßen kräftiger wieder,
und das hat eine Steigerung der Kraft zur Folge und weckt die Freudig
keit. Wo es daher der Unterrichts- und Erziehungszweck irgend zuläßt,
sollte man sich dieses wichtigen Mittels zur Lenkung des Willens be
dienen. Je straffer dabei die Haltung der Schüler, je präziser das Ein
setzen, je einhelliger die Chorarbeit, desto größer ist der Einfluß auf die
Willenskraft.
„Aber", so höre ich einwenden, „überschätzest du auch den Wert
der genannten, oft so minutiösen Kleinigkeiten für die Hebung des Willens
nicht?" Nein und wiederum nein! Wer die Bedeutung derselben leugnet,
der hat keine Ahnung von der Macht des Kleinen. Vor 30 und mehr
Jahren lächelte man über den Gamaschendienst im preußischen Heere.
Heute ist dieser Spott verstummt. Man weiß, jener Gamaschendienst
ist einer der Schleifsteine gewesen, der das Schwert schneidig gemacht
und zu ungeahnten Erfolgen geführt hat.
2. Liegt nach den bisherigen Ausführungen die Anregung und
Kräftigung des Willens vornehmlich da, wo das Schulleben in äußerer
Aktion sich bethätigt, so läßt sich doch nicht leugnen, daß auch dem
rein geistigen Verkehr im Unterricht den Willen beein
flussende Momente beiwohnen. Auf diese hinzuweisen, wie
überhaupt den Zusammenhang der intellektuellen mit der ethischen Bildung
aufzudecken, ist bekanntlich das Streben Herbarts und der auf ihm weiter
bauenden Ziller - Stoyschen Erziehungsschule. Unmittelbar wird freilich
der Wille durch die Intelligenz nicht in Thätigkeit gesetzt, so wenig wie
die Erregung der Empfindungsnerven sich auf der Stelle in die der
Bewegungsnerven umsetzt. Aber wie im leiblichen Organismus die
kräftige Anregung des einen Funktionsgebietes stets auch die Hebung des
andern zur Folge hat, so auch im Seelenleben. Nötigt z. B. der
Unterricht den Schüler, den Dingen und Verhältnissen scharf ins Gesicht
zu sehen, diese zu nehmen, wie sie sind, so wird das Urteil nüchtern
und infolgedessen der Wille verständiger, weil er sich nicht auf Unerreich-

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