458 Trenkel: Was können wir für die Hebung
III.
Bisher hat sich unsere Untersuchung der Frage zugewendet, wie die
Schule positiv auf Richtung, Spannkraft, Stetigkeit und Freudigkeit des
Willens einzuwirken habe. Das bleibt unter allen Umständen die erste
und hauptsächlichste Aufgabe unserer erziehlichen Bemühungen. Denn nur
durch Kräftigung des Strebens nach den richtigen Zielen wird die Re
gung böser Meinungen niedergehalten. Das Unkraut, das am Boden
wuchert, fängt an zu verschwinden, wenn die Bäume des Hochwaldes em
porwachsen und jenem Luft und Licht nehmen. Allein Leichsinn und
jugendlicher Übermut, Fahrlässigkeit und natürliche Trägheit führen fast
täglich zu Übertretungen der Schulordnung. Welche Maßnahmen
haben wir in diesenFällen zu ergreifen, um den abirren
den Willen auf die richtigen Wege zu führen? Es versteht
sich zunächst von selbst, daß jede Übertretung durch die auf dieselbe ge
setzte Strafe gesühnt werden muß. Das soll der Schüler als das Not
wendige und Natürliche ansehen lernen, nicht bloß weil es eine sittliche
Forderung ist, über die er gar nicht hinauskommt, sondern auch deswegen,
weil nur in diesem Falle das Bewußtsein der eigenen Verantwortlichkeit
lebendig erhalten wird. Freilich muß die Strafe die natürliche, die ver
letzte sittliche Ordnung wiederherstellende sein. Ist dieser Zusammenhang
kein notwendiger, für den Schüler in die Augen springender, so verfehlt
die Strafe ihren nächsten Zweck und — was weit bedenklicher ist — er
fühlt sie nicht als seine Schuld. Ist gar die Strafe zu hart: wer will
es dem Kinde verargen, wenn es zu dem Fehlschlüsse kommt, es sei schlecht
hin unschuldig, weil die Strafe nur zum Teil verdient ist? Das in
dieser liegende sittliche Moment, das Schuldbewußtsein, geht dann ganz
verloren.
Allein der Druck der Schuld, der in der Strafe liegt, und die
Furcht vor derselben bei Wiederholung des Unrechts machen doch nur
zu einem armen Knechte. Ein verständiger Lehrer sucht daher das Un
recht im Entstehen zu verhüten und den Willen auf das Richtige zu
lenken. Ein Blick, ein Wink, noch mehr eine allgemeine Andeutung, daß
in der Klasse dies oder jenes nicht so sei, wie es sein solle, läßt oft den
Leichtsinn und Unverstand sich auf sich selbst besinnen und ruft auf den
Weg der Pflicht zurück, wenn es noch Zeit ist. Das „Einer unter euch
wird mich verraten" hat nicht bloß den Judas getroffen, sondern hat
auch das Gewissen der Elf geweckt und die sittliche Temperatur in dem
Jüngerkreise erhöht. Am Scheidewege stehend, fühlt der Schüler die

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