460 Trenkel: Was können wir für die Hebung
Zweifel eine Einseitigkeit. Allein verliert ein richtiger Gedanke etwas
von der Geltung, die er an sich hat, wenn ihn der Unverstand übertreibt?
Und daß jener Einseitigkeit mehr als ein Fünklein Wahrheit zu Grunde
liegt, wird niemand leugnen. „Die Klasse ist der Widerschein
des Lehrers," hat man gesagt. Ist der Satz richtig, so muß, was
der Lehrer ist, auch auf dem freiesten und am schwersten zu erreichenden
Gebiete des Seelenlebens, dem der Willensbewegungen, wahrnehmbar sein.
Es gibt in der That eine unmittelbare Wirkung der gereiften sittlichen
Persönlichkeit auf den schwächeren und darum lenksameren Willen, einen
Rest jener alten Macht, durch die der Mensch seine Umgebung beherr
schen soll. Infolge der Arbeit des Erziehers an sich selbst kann nämlich
die Willenskraft desselben so erstarken, daß der Zögling unbewußt das
Gewicht derselben empfindet. Von jeher ist daher auf diese Selbstzucht
als erstes und notwendigstes Erfordernis an den Lehrer hingewiesen.
So sagt — wenn ich ein paar Stimmen aus der neuesten Zeit anführen
darf — Droysen einmal, der Lehrer bedürfe außer Kenntnis und Me
thode noch ein Schwerstes, Wichtigstes: Charakter; und ein Erlaß des
preußischen Kultusministers aus dem Jahre 1880 an die Kollegien der
gelehrten Schulen hebt den hochbedeutsamen Einfluß hervor, den eine
charaktervolle Haltung des Lehrers in der Schule, wie außerhalb der
selben auf die Schüler ausübe.
Was wirkt es nicht schon, wenn der Erzieher selbst das verkörperte
Gesetz ist? Sicherheit, Selbstgewißheit, ruhige, gleichmäßige Kraft,
Eigenschaften, in denen vornehmlich sein Übergewicht den Schülern gegen
über liegt, haben in diesem Boden die kräftigsten Wurzeln. „Mit einem
Herrn steht es gut, der, was er befohlen, selber thut," sagt Goethe in
einem seiner Reimsprüche. Kein größeres Hemmnis für die sittliche An
fassung, als wenn der Schüler ahnt, der Lehrer sei das nicht, was er
vorstellt, leiste selbst das nicht, was er fordert, oder wenn gar Zweifel
an dem sittlichen Werte desselben in dem Zöglinge wach werden.
Doch zu dieser streng gesetzlichen Haltung müssen sich noch andere,
tiefere Mächte gesellen, wenn der Lehrer seinen Schülern eine Auktorität
werden soll, Mächte, die sein verborgenes Sein und Leben wie ein stiller
Strom durchziehen. Es sind nach meinem Dafürhalten tiefer Ernst,
stille Würde und väterliche Wärme. Heiliger Ernst und ruhige Kon
sequenz ist das erste. Heute schimpfen und morgen scherzen, heute über das
hinwegsehen, was gestern mit übertriebener Strenge gerügt wurde, oder
gemachte Entrüstung bei eigener Schwäche, Hinlässigkeit und Halbheit:

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