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Kühl: Über das Zusammenwirken
mit der Erziehung im engeren Sinne, sofern sie die Erzeugung einer
sittlich bestimmten Persönlichkeit, eines sittlichen Charakters zum Zweck hat.
Alle Sittlichkeit wurzelt in der Religion, in der Beziehung des
Menschen zu einem höchsten Wesen, aus dessen Willen seine Moral ihr
Gesetz empfängt. So bestimmt sich bei jedem einzelnen Volke der Begriff
der Sittlichkeit nach der Vollkommenheit nnd Klarheit seiner religiösen
Vorstellungen. Eine andere ist die heidnische, eine andere die jüdische,
eine andere die christliche Sittlichkeit. Eine allgemein-menschliche
Sittlichkeit gibt es nicht, weil es keine allgemein mensch
liche Religion gibt.
Wir haben es hier mit dem christlichen Hause und der christlichen
Schule zu thun. Das Objekt unserer Erziehung ist das getaufte, das
Christenkind. Christliche Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder Christo
zuzuführen. Dadurch ist ihnen die Grundlage, die dem Kinde in der
Taufe zugeeignete Erlösungsgnade, dadurch ist ihnen das Ziel, die Heran
bildung zu sittlicher Vollkommenheit nach dem Worte und Vorbilde
Christi, dadurch sind ihnen auch die Mittel ihrer erzieherischen Einwir
kung gewiesen. Das ganze häusliche Leben in der Mannigfaltigkeit seiner
Beziehungen und Äußerungen soll vom Geiste Christi durchdrungen sein.
Der Eltern Vorbild, ihr bald belehrendes, bald warnendes, bald strafendes
Wort, die Bethätigung ihrer Frömmigkeit in Andacht und Gebet, die
Zucht, der es sich unterstellt sieht, das alles sind Momente, in denen
das christlich-sittliche Bildungs-Ideal in größerer oder geringerer Voll
kommenheit dem Kinde verwirklicht vor Augen tritt, und unter deren
Einfluß die ersten Keime sittlicher Bildung in seiner Seele sich entwickeln.
Die Schule, in die es eintritt, muß auf diesem Grunde weiterbauen.
Daß sie es thun werde, ist die Voraussetzung, unter welcher die Familie
ihre teuersten Schätze ihr überliefert. Sie beginge einen Vertrauensbruch,
wenn sie andere Ziele der Erziehung verfolgen wollte. Nur in bezug
auf die intellektuelle Seite der Bildung steht sie über der Familie und
tritt ganz an deren Stelle; sie übernimmt, was jene nicht vermag. Hin
sichtlich der sittlichen Bildung dagegen tritt die Schule nur
als Gehilfin dem Hause zur Seite und muß bei der Erziehung
mit diesem Hand in Hand gehen.
Täglich empfängt sie von ihm ihre Zöglinge und gibt sie ihm täg
lich zurück. Die Gemeinschaft des Wirkens fordert Einigkeit der Grund
sätze und des Handelns; wie sollte sonst bei dem Zögling ein Charakter
sich herausbilden, der doch Einigkeit und Geschlossenheit des inneren Seins

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