und die evangelische Pädagogik.
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dahin kommen, daß ein Mensch dem Spruch gehorsam sei: gib mir, mein
Sohn, dein Herz" — „Dabei ist natürlich keineswegs ausgeschlossen, daß
diese Charakterstärke selber erst mit Hilfe des heiligen Geistes erworben
und jederzeit aufrecht erhalten wird." Auch hier gravitierte fast unbewußt
die Diktion zu der Auffassung, als sei menschliche (autokratische) Cha
rakterstärke oder das Moralische Grundlage des Ethisch-Religiösen.
Daher mutet die erklärende Bemerkung, welche die Charakterstärke auf
die primäre Wirksamkeit des heiligen Geistes zurückführt, fast so an,
wie die Wortzettel auf alten Leierkastenbildern, welche der Kunst des
Malers nachhelfen sollen (z. B.: „ich bin der rote Dietrich" — „ich bin
seine Geliebte, die er ermordet hat.").
Gegen Märchen habe ich prinzipiell*) nichts einzuwenden, obwohl
mir die Praxis bedenklich erscheint; eine Willkür liegt wohl auch in der
künstlichen Nachahmung des vorchristlichen, mythologischen Standpunktes.
Aber daß die Kinder prinzipiell nicht sogleich vom erbarmenden
Sünderheiland erfahren sollen, will mir nicht gefallen, obgleich ich anderer
seits sehr damit einverstanden bin, wenn man sich geistlicher Behutsam
keit und Zartheit befleißigt und sich in acht nimmt vor geistlicher Zu
dringlichkeit und Roheit und die Kinder nicht so ohne weiteres als
Teufelsbraten behandelt. Auch dagegen, daß an Stelle eines anfänglichen
begrifflichen Unterrichts anschauliche Erzählung und religiöse Wärme das
Vorherrschende wäre, könnte man füglich nichts einwenden. Wenn aber
prinzipiell die (Herbartische) Philosophie auch in bezug auf die
Unterweisung in der Heilslehre normativ für die Methode sein
soll — was wird, wenn „ein anderer Pharao aufkommt, der vom Evan
gelium nichts hält?" — Was würde wohl daraus werden, wenn die
Hartmannsche Philosophie, die doch auch Anspruch auf Objektivität erhebt,
für die Methode des Religionsunterrichts normativ sein wollte? Würde
nicht unwillkürlich das Christentum zu kurz kommen als Vorbereitungs
stufe der Hartmannschen „Geistesreligion"? Aber — fragen die Her-
bartianer — kann denn die Theologie normative Wissenschaft sein? —
Wie mir scheint, ist diese Frage überhaupt nicht richtig gestellt. Viel
mehr: die Theologie oder besser der christliche Glaube ist überhaupt
*) Am meisten, scheint es mir übrigens, kommt es darauf an, in welchem
Geiste eine Sache behandelt wird und viel weniger darauf, was getrieben
wird. Wenn z. B. der Heiland das „Märchen" vom reichen Manne und Lazarus
erzählt, so ist es mir lieber, als - wenn Renan vom Herrn Jesus erzählt und
eine Mär daraus macht.
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