484
Christliche Gedanken über Herbart
nicht Wissenschaft im eigentlichen Sinne (vgl. 1. Kor. 2, 4). Die Philo
sophie aber als Wissenschaftslehre kann nur normativ oder maßgebend
sein für das Gebiet der Dinge, die wir wissen können. Für das Ge
biet des Glaubens ist nur der Glaube selbst der normative Kompetenz-
Gerichtshof (1. Kor. 2, 15), für die Unterweisung im Glauben kann
ich daher weder der „Wissenschaft" noch dem Staate auch nur das jus
circa sacra der Methode oder vorbereitenden Methode zuerkennen. Die
Methode ist der Weg; wie kann aber die in Glaubenssachen blinde Wissen
schaft als solche den Weg zu einem ihr unbekannten Ziele zeigen? (Vgl.
1. Kor. 2, 13. — Wie kann ferner die Wissenschaft Vormund und Ritter
des Glaubens sein? Wird dann dem Glauben der Kampf der persön
lichen Ritterschaft erspart? Ist nicht unser Glaube selbst der Sieg, der
die Welt überwunden hat?
Die Frage, ob die Herbartische Philosophie dem Glauben ähnlich
oder widersprechend sei, ist eigentlich prinzipiell überflüssig. Wenn aber
Glöckner mit Entrüstung den pantheistischen Gottesbegriff abweist, weil
darin Gott sich vermittelst und in der Welt zum Selbstbewußtsein erhebe,
wenn er ferner auf O. Flügels brauchbaren Gottesbegriff hinweist, so
bin ich zwar weit entfernt, die vielfachen Verdienste dieses herzerfreuend
klaren Denkers zu verkennen, — aber sein Gottesbegriff ist, wie mir
scheint, deistisch (in dem theologisch jetzt gebräuchlichen Sinne — vgl.
Herzogs Realencyclopädie, neue Aufl., Artikel „Deismus.")*)
Wir finden bei ihm, soweit ich richtig sehe, einen Gottesbegriff, den
der evangelische Christ sich ebensowenig aneignen kann, wie den des Pan
theismus, wo Gott sich nur „vermittelst und in der Welt zum Selbst
bewußtsein erhebt." Ist es denn viel anders, wenn bei Flügel das
Selbstbewußtsein Gottes erst durch Berührung mit dem Weltstoff entsteht,
oder wenn der Weltstoff und dessen Kontakt die objektive Grundlage
für Gottes Selbstbewußtsein abgeben soll? Abgesehen von allem andern,
wo bleibt denn die Trinität?
Wenn wir aber auch von der Mangelhaftigkeit des Flügelschen
*) O. Flügel in seiner Kritik der spekulativen Theologie S. 349 nimmt an:
Gott sei bei der Weltschöpfung mit allen schon von Ewigkeit her in relativer
Selbständigkeit existierenden Realen (Monaden) zusammen gewesen. „Hiermit
sei eine unermeßliche Fülle von inneren Zuständen in Gott gesetzt, ohne daß er
dadurch etwas Fremdartiges in sich aufgenommen hätte." „Mit diesen Zuständen
mag zugleich die objektive Grundlage des göttlichen Selbstbewußt
seins gegeben sein." „Auf Grund dieser inneren Zustände erkannte Gott die
Qualitäten der verschiedenen Realen auf eine anschauliche Weise rc."

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.