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Christliche Gedanken über Herbart
des Sündenfalls und der Erbsünde, so gerät auch das Bedürfnis, die
Möglichkeit und Realität der Erlösung ins Schwanken — und damit
kann ein evangelischer Christ, ja das evangelische Volk sich doch nicht
zufrieden geben, wenn ihm die Gestalt des Sünderheilands verblaßt.
Der deistische Gottesbegriff und die Leugnung der transcendentalen
Freiheit genügen mir als Laien, das Bedenkliche dieser Begünstigung
des Christentums zu konstatieren — auch abgesehen von der „Tugend"
und „guten Gesinnung", wodurch ich trotz allem an Lessings reine Tugend
erinnert wurde, welche er am Schluß seiner Erziehung des Menschen
geschlechts dem letzteren als neues Evangelium empfiehlt.
Nicht unbedenklich erscheint mir auch die Aussicht auf Abstellung
konfessionellen Haders vermittelst Studiums der Begriffe der Herbart-
schen Philosophie. Das Allerbedenklichste ist mir aber das Prinzip der
Begünstigung als solches. Denn durch das Statuieren menschlicher
Stützen (vgl. Jes. 57,13) wird die unmittelbare Siegeskraft des Glaubens
am kräfügsten in Frage gestellt. Und hierin gebe ich dem alten Super
intendenten recht, daß er Anstoß nimmt an der sogenannten „wissenschaft
lichen" Pädagogik.
Auf der andern Seite aber kann man sich gerade vom Standpunkte
des evangelischen Glaubens nicht genug darüber freuen, daß Herbart an
Stellen des oft mißbrauchten und überhaupt nicht unbedenklichen „üäos
praecedit cognitionem (yvwaiv)“ oder einer „fides praecedit scien-
tiam theologiae vel theosophiae“ lieber ein „philosophia est ut
lex Mosis praecursor fidei“ aufstellt.
II. Die Gegner Herbarts.
Hatten uns nun die Anhänger Herbarts wissenschaftliche Pädagogik
oder wissenschaftliches Christentum geboten, so empfehlen uns
ihre Gegner in Berufung auf Stahl den Anbau einer christlichen
Wissenschaft, einer christlichen Philosophie, und gleich ihrem Gewährs
mann Gerlach erklären sie „jede Menschenweisheit, welche nicht
das Geheimnis des Gottesmenschen zum Grunde ihrer Forschung legt,
jetzt wie damals für leeren Betrug." Hier würde ich nun sagen: jede
Menschenweisheit, jetzt wie früher, ist leerer Betrug oder Selbsttäuschung,
wenn sie mehr will, als der Vorhof des Heiligen sein. — Ebensowenig
wie die Menschen-Gerechtigkeit genügt, auch wenn sie nach Mosis
göttlicher Gesetzgebung oder der Apostel Weisungen sich abmüht, ebenso
wenig bringt es die Menschen-Weis heit zu etwas Befriedigendem —

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