Die Pflege des Volksgesanges in Gesangvereinen. 35
und ohne den erforderlichen Ausdruck vorgetragen werden, bei deren Aus
führung man mehr den Zweck verfolgt, -Verwunderung zu erregen, als
auf Herz und Gemüt der Sänger und Zuhörer erhebend und ermunternd
einzuwirken. Das einfache Volkslied erquickt, wie ein Trunk frischen
Wassers nach dem Genusse von schalem Dünnbier, sagt jemand. Aber
wie es im allgemeinen mit der Geschmacksrichtung in den Vereinen steht
kann nicht besser gekennzeichnet werden als durch das Wort: „Unsere
Seele ekelt über dieser losen Speise."
Der schon oben angeführte Seminarlehrer Zimmer sagt in seiner
Gesanglehre: „Froschkantaten, Katzenduetts, Kuhstallscenen mit entsprechend
vulgärer Tonmalerei, oder Hahnemanns, Kaffeeklatsche, Heiratsregeln,
Profanationen biblischer Geschichten und Sprüche, süßholzraspelnde Liebes
erklärungen mit obligaten Brummstimmen, Schlittschuhpartien mit ent
sprechenden Knalleffekten: das sind leider die Gesänge, die bei Konzerten
vielfach die günstigste Aufnahme erfahren und deshalb für Komponisten
und Verleger die einträglichsten Artikel sind." Gewiß soll dieses harte
Urteil nicht die guten Vereine treffen. Rühmliche Ausnahmen verstehen
sich von selbst, und zur Ehrenrettung mancher mir bekannten Vereine sei
hervorgehoben, daß sie, wenn auch vorzugsweise weltliche Musik pflegend,
doch keine entartete wählen. Gewiß hat auch die weltliche Musik ihr
volles Recht zu bestehen, und wir wollen nicht im entferntesten den
Finger legen an das schöne Wort von Uhland:
„Sie singen von Lenz und Liebe, von sel'ger goldner Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu' und Heiligkeit-,
Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt,
Sie singen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt."
Aber das eine thun und das andere nicht lassen! — Das geistliche
Volkslied darf nicht vernachlässigt werden. Es wäre eine Verkennung
der wahren Bedürfnisse des Volkes. Was hat das geistliche Lied nicht
schon bewirkt! „Die Musika," sagt Luther, „ist die Sprache der Engel
im Himmel und die der alten Propheten auf Erden," und Claudius, der
Wandsbecker Bote: „Über kräftige Kirchenlieder geht nichts, es ist ein
Segen darin, und sie sind in Wahrheit Flügel, darauf man sich in die
Höhe heben und eine zeitlang über dem Jammerthale schweben kann. So
ein „Befiehl du deine Wege" ist wie ein alter Freund, dem man ver
traut und bei dem man in ähnlichen Fällen Rat und Trost sucht." Es
giebt keine geeignetere, auch dem äußeren Ohr wahrnehmbare Weise der
Erbauung und selbst des Gebets als die des Gesanges. „Singen ist
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