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C. Hörcher.
nichts anderes als Beten," beginnt die Vorrede eines alten Gesangbuches.
„So kommt," sagt jemand, „unstreitig alt und jung in keinem Stück
zu einem Genuß der Anbetung als im Gesang." Ja, die köstliche Perle
des Gotteswortes ist gar manchem erst in der Goldfassung des Gesanges
an das Herz und in dasselbe getreten — unverwischbar, unverlierbar.
Es ist bekannt, daß mancher Ort nicht evangelisch gepredigt, sondern ge
sungen worden ist, und die Gesänge der Reformationszeit zogen und
flogen, anfangs nur auf einzelne Blätter gedruckt, gleich gesegneten
Tauben des Friedens von Ort zu Ort; der Missionar war dabei oft
nur ein schlichter Handwerksgesell. Kurz, dem geistlichen Volkslied,
überhaupt den religiösen Volksgesängen, in einfachem, naturgemäßem
Tonsatz muß von den Gesangvereinen überwiegend Kraft und Zeit ge
widmet werden, damit von hier aus in Verbindung mit der Schule
wieder ein Liederleben erwache in den Familien, der Liedersegen sich
entfalte in den Herzen.
Dazu gehört zunächst nicht eine kunstgerechte Schulung der Stim
menorgane oder einzelner Sänger, vielmehr eine einfältige, natürliche
Bildung des Gemütes. Ja, das Herz muß singen. Schlägt das Herz
den Ton an, so muß sich in den meisten Fällen der Mund schon fügen,
zumal bei denen, welchen der liebe Gott einen frischen Mut und ein
wenig Stimme geschenkt hat. Besonders sind die in neuerer Zeit ent
standenen Kirchenchöre dazu berufen, den religiösen Gesang zu pflegen.
Die Feier der öffentlichen Gottesdienste zu erhöhen, die ErbaMng der
Gemeinde zu vertiefen, das Volk sittlich zu heben, muß der aus
gesprochene Zweck derartiger Singvereine sein. Aber nicht selten verlieren
dieselben sich in dem Bestreben, es den großen Singakademien und Ora
torienvereinen nach zu thun. Selbstverständlich kann zur eigenen Be
messung der Kraft zuweilen ein schwieriges figuriertes Tongebilde ein
gelegt werden; es wird das Mitglieder wie Dirigenten vor Überschätzung
des Könnens bewahren, und sie werden gerne mit der gesunden Nahrung
des herrlichen Volksliedes sich bescheiden. Zur Aufführung in der Kirche
beim gewöhnlichen Gottesdienste eignet sich der oratorische Wechselgesang
nicht. Das Volk hat kein Verständnis für die großen Tonschöpfungen
unserer Musikheroen. Der Choral, überhaupt das religiöse Volkslied,
muß der fruchtbringende Boden sein und selbst bei hervorragender Schulung
noch bleiben, wenn auch diese Vereine dauernd sich ein fröhliches Ge
deihen sichern wollen. Was oben von den gewöhnlichen Gesangvereinen
gesagt worden, trifft nicht minder diese Kirchenchöre, denn man kann

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