Die Pflege des Volksgesanges in Gesangvereinen. 37
einem solchen Vereine mit dem regsten Interesse angehören, ohne in
seinem Hause und Lebenskreise dazu beizutragen, daß der heilige Gesang
in seiner allen zugänglichen Form, der Choral wieder unter uns heimisch
werde. Es genügen jedoch nicht allein volkstümliche und gehaltvolle
Lieder, sondern es muß eine technische Schulung dazukommen, die
einen edlen, ausdrucksvollen und bildenden Vortrag ermöglicht. Wenn
dieselbe sich auch in engeren Grenzen zu bewegen hat, so ist sie doch
unerläßlich. Soll das Volkslied voll und ganz seine Wirkung entfalten,
so bedarf es der sorgfältigsten Übung und Pflege. Deshalb ist es für
jeden Gesangverein eine unabweisliche Forderung, zu einem korrekten,
schönen Gesang sich tüchtig zu machen durch ernste Übung. Der Ver
mittler derselben ist der Dirigent, der Leiter des Gesanges.
Ich unterscheide drei Klassen von Dirigenten: 1) Musiker von Be
ruf, 2) unberufene Musiker und 3) Lehrer. Welche sind denn nun die
geeignetsten? Die Musiker von Beruf widmen ihre Kräfte fast ausschließlich
den Oratorienvereinen der größeren Städte, in den Volksgesangvereinen
fungieren sie häufig bei den sogenanten Wettgesangfesten als Preisrichter.
Es sind Männer von bedeutender Schulung. Ihre Aufgabe ist die, daß
sie die Schöpfungen der größten Meister auf dem Gebiet der Tonkunst
einem sich dafür interessierenden Publikum nahe bringen, das Verständ
nis derselben vermitteln, den Geschmack veredlen und neue Meisterwerke
schaffen. Unter unberufenen Musikern verstehe ich solche Dirigenten,
welche als Kapellmeister von „weithin berühmten, unter der persönlichen
Leitung re. längst bekannten" Musikbanden, Posaunenchören, Knappschafts
kapellen re. ihr kümmerliches Dasein fristen, die nicht genug Bescheiden
heit besitzen, sich als dienende Glieder an ein gesundes Ganze anzu
schließen, und zu viel Selbstbewußtsein, um sich vor Lächerlichkeit zu be
wahren. Ihnen reihen sich würdig solche Dirigenten an, die einmal
Anspruch hatten auf die Achtung, die ein wackerer Volksschullehrer zu
fordern berechtigt ist. Es sind meistens musikalische Pfuscher, welche mehr
im Interesse des Vereinswirtes arbeiten, als in ihrem eigenen und dem
des Vereins. Jedoch rühmlichen Ausnahmen wollen wir auch hier gerne
Gerechtigkeit widerfahren lassen. Mit besonderer Vorliebe wählen sich
strebsame Vereine Lehrer zu Dirigenten.
Man braucht nur den Finger zu legen auf die Vorbildung des
Lehrers zu seinem Amte, das Augenmerk zu richten auf die erziehlichen
Bedürfnisse des Volks, so ist die Frage entschieden. Der Lehrer ist der
berufenste Pfleger des Volksgesanges und damit auch Leiter der Volks-

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.