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C. Hörcher,
gesangvereine. Manche Lehrer müssen jedoch den klaren Blick für die
wahre Aufgabe ihrer Vereine haben vermissen lassen, vielleicht durch
allzugroße Aufwendung von Kraft in ihrer beruflichen Thätigkeit in der
Schule erlahmt, wahrscheinlich auch der Gefahr sittlichen Verkommens
nicht mit der nötigen Charakterstärke begegnet sein. Wie wäre es sonst
denkbar, daß eine Königl. Regierung *) sich hat veranlaßt finden können,
diese geradezu nicht amtliche Thätigkeit unter Kontrolle zu stellen? Diese
betrübende Thatsache regt doch zu ernstem Nachdenken an. Des bin ich
zwar überzeugt, daß vieles, was den Lehrern angerechnet wird, auf das
Kerbholz der unberufenen Musiker gehört; nicht minder kann ich mich jedoch
gegen die bedenklichen Seiten nicht verschließen, die das Vereinsleben für
die pflichtgemäße, berufliche Arbeit wie für die gesellschaftliche Stellung
des Lehrers haben kann. Es würde mich zu weit führen, alle die einzelnen
Vorkommnisse innnerhalb des Vereinslebens zu diesen beiden Seiten in Be
ziehung zu setzen. Nur auf zwei Punkte möchte ich aufmerksam machen.
Die außeramtliche Thätigkeit des Lehrers gehört neben seiner Familie
auch der Schule an. Schule und Familie sind die beiden Angelpunkte,
um die sich sein ganzes Sein zu bewegen hat, und müssen zu allernächst
zu ihrem ungeschmälerten Rechte kommen. Genügt der Lehrer den An
forderungen nicht, die sein Amt an ihn stellt, wie will er verlangen,
daß man seiner außeramtlichen Arbeit die Beachtung zollt, die sie am
Ende doch noch verdient? Er muß alle seine Handlungen von diesem
Gesichtspunkte aus bemessen, damit dieselben in gesegneter Rückwirkung
der Schule wie dem Hause dienen. Auch seine Arbeit in und an Gesang
vereinen verstößt gegen diesen Grundsatz nicht, wofern er seine ideale
Aufgabe, nämlich die Entwicklung und Veredlung des Gefühls, die
ästethische Bildung der Mitglieder durch Einführung und Pflege des
Volksgesanges anzustreben, nicht aus dem Auge verliert. Treue im Beruf,
gegründet auf seine Erkenntnis des Wahren, Schönen und Guten, ein
festes Herz und eine feste Meinung, getragen von der aufrichtigsten Über
zeugungstreue, bedingen seine Existenz auch als Leiter eines Vereins.
Die ideale Auffassung der Vereinsaufgabe muß seine ganze Persönlichkeit
durchwehen, wenn er das Recht einer bestimmenden Entscheidung in
Vereinsangelegenheiten für sich in Anspruch nehmen will. Kenntnisse und
Fertigkeiten verbürgen eine solche Stellung nicht allein, dazu gehört
noch etwas mehr. Jener sittlichen Entschiedenheit, die das Böse nicht
tragen mag, demselben überall mit dem gebührenden Ernste entgegen
*) Verfügung Königl. Regierung in Arnsberg.

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