Die Pflege des Volksgesanges in Gesangvereinen. 39
tritt, darf sich ein Dirigent niemals entäußern. Wer aus Weichlichkeit
oder Feigheit allerlei Unarten der Sänger durchgehen läßt, weil chm
die nötige Kraft in Verfolgung sittlicher Ziele abgeht, oder weil er aus
selbstsüchtigem Interesse den Unwillen der Sänger nicht erregen mag:
der taugt nicht zum Dirigenten.
Ich komme zum zweiten Punkte. Wer einen Gesangverein geleitet
hat, wird die Erfahrung gemacht haben, daß der Dirigent gern als
bezahlter Lohnkutscher betrachtet wird. Das sollte kein Lehrer sich ge
fallen lassen. Wem die Bürde aufgelegt ist, für den wollen wir auch
die Würde geziemend beanspruchen. Wer freilich nichts aus sich macht,
ist auch nichts, und wer sich als maitre de plaisir gebrauchen läßt,
wird allerdings noch dankbar sein müssen für das geringe Honorar, das
ihm vielleicht nicht einmal gerne gewährt wird. Wie will aber ein
solcher Dirigent seiner sittlichen Aufgabe gerecht werden? Es gehört
wahrlich viel Charakterstärke und Lebensklugheit dazu, eine Schar alter
und junger, häufig so leicht beschwingter Sänger in heiliger Begeisterung
für ihre ideale Aufgabe zu entflammen und zu erhalten. Wie viele
Vereine giebt es doch, denen man es ansieht und anhört, wie sich ein
geistiger Schlaf über die Gemüter lagert, die in selbstgefälligem Dünkel
sich nicht aufzuraffen vermögen, neue Kraft, neuen Mut, neues Leben zu
schöpfen aus dem nie versiegenden und nie versagenden Born des einfachen
Volksliedes! Und welch' einen erhebenden und wohlthuenden Eindruck
erhält man in einem Verein, dessen Mitglieder sich mit ihrem Dirigenten
einig wissen in dem edlen Streben, dem herrlichen Volksliede die Wege
zu bahnen in die Häuser und Herzen. Von einem solchen Vereine wird
man mit Recht sagen können:
„Hie kann nicht sein ein böser Mut,
Wo da singen Gesellen gut-,
Hie bleibt kein Zorn, Zank, Haß und Neid.
Weichen muß alles Herzeleid."
Thesen:
I. Mit dem Rückgang des Liederlebens ist dem deutschen Volke der
Liedersegen verkümmert. —
II. Die Aufgabe der Volksgesangvereine besteht in der Wieder
erweckung und Pflege des einfachen Volksliedes. —
III. Dem religiösen resp. dem geistlichen Volksliede (Choral)
muß überwiegend Kraft und Zeit gewidmet werden. —
IV. Die der Kunstmusik entlehnte Satzweise ist nicht geeignet,
das Volkslied in weitere Kreise des Volks hineinzutragen. —

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