Abermals Herbart und Herbartianer.
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umhin konnte, „mißtrauische Seitenblicke auf den deutsch-sprachlichen
Unterricht der Herbartianer zu werfen", ist wohl erklärlich. Indessen
behalte ich mir vor, Eingehenderes hierüber mit besonderer Rücksicht auf
„das 3.-5. Schuljahr von Rein", in einer spätern Abhandlung aus
zuführen.
S. 344. Es ist doch mit manchen Aussprüchen des genialen Dichters
G. eine eigne Sache! In wenigen Worten oft eine vielbedeutsame Wahr
heit, die der Autor in seiner ganzen Tiefe zunächst selbst wohl kaum
im Sinne gehabt hat. So verhält es sich auch mit dem in Rede stehen
den Verse des 4. Gesanges von „Hermann und Dorothea". Enthält er
nicht im Grunde eine Wahrheit von wunderbarer Tiefe und Lieblichkeit?
(Freilich nur erfaßbar für gereifte Christen, für reine Herzen! Daß
er in den für den Sch ul ge brauch bestimmten Exemplaren ausgemerzt
werden möchte, möchte ich auch befürworten). Am Tage ist der Mann
meistens im unruhvollen Schaffen, „im friedlichen Leben". Wenn der
süße Feierabend kommt und die ruhige Nacht, dann gehört er erst ganz
seinen Lieben an und kann ihre Liebe fröhlich und stolz genießen. Was
er dann erfährt, ist ein kleines Bild von den wunderbar großen Er
fahrungen, auf die des „canti6um canticorum“ hindeutet. „Die Braut
hört den Bräutigam rufen: Stehe auf, meine Freundin, meine Schöne,
und komme her, deine Stimme ist süß und deine Gestalt lieblich. Meine
Schwester, liebe Braut, dein Gewüchs ist wie ein Lustgarten von Granat
äpfeln! Sie aber, voll süßer Liebe antwortet: Mein Freund ist weiß
und rot, auserkoren unter Tausenden. Ich halte ihn und will ihn nicht
lassen." Zu der Zeit, so bezeugt auch Arnd (W. Chr. Bch. 5, K. 7)
naht sich der Widersacher nicht herzu wegen der Gegenwart des Bräu
tigams und kein Fremder darf sich einmengen: denn die Seele ist mit
viel tausend Engeln, welche die Schildwacht halten, umringet. Nachdem
sie aber seiner keuschen Beiwohnung genießt, kann keine Kreatur wissen,
was für Freude aus derselben sie habe, und was sie im Herzen fühle,
wie inbrünstig sie werde, wie sie vor Liebe jubiliere und frohlocke, aus
was für liebreiche und herzhaftige Worte und Gespräche sie komme.
Niemand, sage ich, kann solches wissen, denn die allein, die solches erfahren.
Fühlen und merken mag man es zwar, aber auszusprechen ist es unmög
lich; denn es sind geistliche, geheime und göttliche Sachen, welche man
nicht ausreden darf, damit der Bräutigam kein Ungefallen daran trage,
welchem im Geheim und in der Stille des Herzens zu wohnen beliebt."
Siehe da, ein Pröblein evangelischer Mystik! Es soll mich wenig anfechten,
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