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Zeglin,
wenn etliche dazu (mit Goethe) sagen: „hineingeheimnißt!" Je hingeben
der, reiner die Liebe, desto völliger das Erkennen! (Wie sinnig, vieldeutig
das biblische „erkennen", yiyvcLoxsiv! z. B. Matth. 1, 25 u. 7, 23!
Honni soit qui mal y pense!) Dies der kürzeste Weg zum Wissen,
anwendbar nicht nur in himmlischen, sondern auch in irdischen Dingen!
Königsberg am Weihnachtsheiligenabend 1882. Lettau, Seminarlehrer.
Jeremias Gotthelfs „Anna Väbi."
Daß der schweizerische Volksschriftsteller Jeremias Gotthelf um
Hauptes Länge die meisten der deutschen Volksschriftsteller überragt, ist
bekannt genug und wird von keinem Einsichtsvollen bestritten. Seine
Schriften werden darum, wenn auch nicht gerade in den mittleren und
niederen Volksschichten, so doch um so mehr in den Kreisen der Gebil
deten viel und gern gelesen. Wer kennt nicht „Uli, den Knecht" und
Uli, den Pächter"? Wer hat nicht „Käthi, die Großmutter", „Leiden
und Freuden eines Schulmeisters", wer nicht „Geld und Geist" gelesen?
Die männlich christliche Gesinnung Gotthelfs, seine bewundernswerte Kennt
nis des Volkslebens, sein naturwüchsiger, köstlicher Humor und der poetische
Duft, welcher über seinen Darstellungen ruht: dies alles zieht den auf
merksamen Leser aufs mächtigste an. Daraus erklärt sich die unverwüst
liche Anziehungskraft und der nie alternde Reiz dieser ländlichen, oft mit
kräftigen Strichen gezeichneten Sittengemälde. Ja, mit derben Strichen!
Gotthelf ist eben den sozialen Schäden der Zeit gegenüber ein zürnender
Bußprediger, der nicht gewillt ist, sanft zu fahren mit den gegen die
alten Gottesordnungen Sturm laufenden modernen Umsturzideen.
Gotthelfs reichstes, tiefstes und vollendetstes Werk ist jedenfalls
„Anna Bäbi Jnweger wie sie haushaltet und wie es ihr mit dem
Doktern geht." Das Buch ist von Hause aus zwar eine Tendenzschrift,
die auf Veranlasfung der schweizerischen Medizinalbehörde zu dem Zwecke
geschrieben worden ist, der weitverbreiteten Kurpfuscherei ernstlich zu Leibe
zu gehen; indes Bitzius war ein so poetisch angelegter reicher Geist,
daß unter seinen Händen auch diese auf den gemeinen Nutzen berechnete
Schrift zu einem in dichterischer Schönheit strahlenden Werke werden mußte.
In ein schlichtes, altväterisches Bauernhaus werden wir geführt,
und es ist gar merkwürdig, wie Gotthelf es versteht, die in keiner Weise
bedeutenden Personen in demselben so zu schildern, daß das Interesse für

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