Jeremias Gotthelfs „Anna Bäbi.
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sie nicht ab-, sondern fort und fort zunimmt. Es ruht — dessen wird
man bald inne — in dem schlichtesten Volksleben ein Quell unversieg
barer Poesie, und wer, wie Gotthelf, den Mosesstab besitzt, denselben zu
öffnen, dem ist es gegeben, lebendiges Wasser fließen zu lassen, von heil
kräftiger, erfrischender und belebender Wirkung.
Ganz besonders anziehend ist die Schilderung des Pfarrhauses mit
seinen lebenswahr gezeichneten Personen: dem gereiften, erfahrenen Pfarrer,
der fürsorglichen, von echter Gottes- und Nächstenliebe erfüllten Pfarr-
frau und der von schalkhaftem Humor übersprudelnden, aber innerlich
ernst und tief angelegten „Söphi", des Hauses hochgemuter Tochter.
Daneben steht ein wunderlicher, taktloser, das pharisäisch gerichtete Christen
tum repräsentierender Vikar, dessen Straße den Lebensweg eines tüchtigen
jungen Arztes kreuzt, der es sich nicht nehmen läßt, den ihm ins Hand
werk pfuschenden geistlichen Quacksalber gründlich zurecht zu weisen.
Rudi, der Arzt, ist des Pfarrers viellieber Neffe, ein für seinen Beruf
hochbegeisterter junger Mann, uneigennützig und voller Aufopferung für-
feine Patienten, freilich ohne den rechten Herzens- und Lebensfrieden, den
die bloße Wissenschaft doch nicht zu geben vermag. Er unterliegt den
Anstrengungen seines Berufs, zu großem Leidwesen vieler ehemaliger
Kranken, die er ohne Entgelt treu beraten, gepflegt und geheilt hat; aber
die bittersten Thränen um ihn werden im Pfarrhause geweint: „'s Pfar
rers Söphi", die starkgeherzte Maid ist es, der nach Trost sehr bange
ist; ihr lange verhaltener Schmerz bricht hervor in Thränen bittern
Wehes. —
Leibliche und geistliche Kurpfuscherei durch Winkelärzte und durch
einen unreifen Mietling im geistlichen Amte, und gegenüber diesem trost
losen Bilde solide Gediegenheit, Wissenschaft und Erfahrung im ärztlichen
und seelsorgerlichen Berufe: das ist das Thema, welches uns Gotthelf
in überaus fesselnder, ursprünglicher Kraft und Schönheit vor die Augen
malt. Und in diesem Gesamtbilde ist jede Partialzeichnung wieder schön
und anziehend. Mit wahrer Verschwendung, möchte man sagen, hat der
hochbegabte Volksschriftsteller die reichsten und poesievollsten Motive zur
Ausschmückung der untergeordneten und nebensächlichen Partieen des Ganzen
verwendet. Die Abfälle von Gotthelfs Feder — so darf man mit Recht
behaupten — würden für Minderbegabte hinreichend sein, daraus Werke
zu gestalten, welche die unbedeutenden geistigen Produkte einer größeren
Anzahl sogenannter Volksschriftsteller weit zu überbieten imstande wären.
Aber — so fragt man billig und nicht ohne Verwunderung — wie
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