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Zeglin.
kommt es denn, daß die „Anna Bäbi" in den weitesten Kreisen des
deutschen Volkes, namentlich in Norddeutschland, noch so wenig gekannt
und gelesen wird? Wir irren wohl nicht, wenn wir annehmen, daß das
eigentümliche schweizerische Idiom, welches hier mehr als in irgend einer
anderen Schrift Gotthelfs zur Anwendung kommt, für Viele ein Hinder
nis geworden ist, sich durch die beiden Bände der Erzählung durch
zuarbeiten. Dazu kommt noch, daß in dem Buche sehr zahlreiche und
mannigfache Bezeichnungen auf eigentümliche örtliche Zustände und Zeitver
hältnisse sich finden, wie sie den Verfasser bei Abfassung des Buches um
gaben und erfüllten. Dergleichen ist uns jetzt großenteils ferne gerückt,
und die Schilderung desselben mutet uns fremd an; und so ists denn ge
kommen, daß man um des vergänglichen Reimwerks willen auch den un
vergänglichen Schatz wertvoller Poesie und Lebenswahrheit übersehen und
übergangen hat.
Die „Anna Bäbi" ist es aber wert, in die weitesten Kreise einzu
dringen; das Buch hat auch heute noch seine Aufgabe zu erfüllen, in
sonderheit auch in der Lehrerwelt, für die sehr beherzigenswerte, freie
Winke und Ratschläge darin aufgespeichert liegen. Man redet wohl von
einer „Pädagogik Jeremias Gotthelfs"; und in der That, es lohnt sich
der Mühe, die einzelnen Aussprüche dieses kraftvollen Volkslehrers auf
ihren pädagogischen Wert hin anzusehen. Wir sind überzeugt, daß die
Ausbeute, welche ein dahin gehendes Studium seiner Werke gewährt, un
gleich bedeutender sein würde, als der mäßige Ertrag der sorgsamsten
Erforschung der Schriften manches Autors ist, den man mit dem stolzen
Namen eines pädagogischen Klassikers zu bezeichnen sich gewöhnt hat.
In der „Anna Bäbi" liegen für den Pädagogen noch viele ungehobene
und unverwertete Schätze; es kommt nur darauf an, nach ihnen auszu
schauen und sie zu Tage zu fördern.
Solche Arbeit ist aber durch eine neue, soeben erschienene lesbare
wohlfeile Ausgabe des Buches sehr erleichtert worden. Es ist dankens
wert, daß der Verleger des Buches sich entschlossen hat, eine Neubearbeitung
desselben zu veranlassen, die in pietätvollster Weise von solchen, die dem
Heimgegangenen Verfasser nahe gestanden haben, ausgeführt worden ist.
Zwar das Berndeutsch mußte, wenn das Buch nicht seinen eigentümlichen
Charakter einbüßen sollte, auch bei der neuen Ausgabe in reichlichem Maße
beibehalten werden; aber es ist durch richtigere, der Etymologie Rechnung
tragende Schreibung und Abteilung der Wörter, sowie durch vielfache
Verdeutlichung schwer verständlicher Ausdrücke und Sätze der Inhalt des

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