über die dortigen Schulverhältnifse.
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Gemeindeschulen bedingt, raubt den Kindern die sichere Aufnahme wie
die feste Verarbeitung des Stoffes, und „flüchtiger als Wind und Welle"
geht der Jugend die Arbeit der Schuljahre wieder verloren, während
sich die Lehrer körperlich und geistig aufreiben.
Ein weiterer Fehler unseres modernen Gemeindeschulwesens ist die
Schwächlichkeit der Zucht. Schon in den Häusern fehlt es heuti
gen Tages nur zu oft am rechten Ernste der Zucht und der Strafe,
und die Rute ist in vielen Familien eine längst unbekannt gewordene
Sache. Das kann man aber nicht Liebe zu den Kindern nennen; das
ist vielmehr das gerade Gegenteil, und ein solches Verfahren wirkt auch
keine Liebe bei den Kindern. Wie ängstlich schützt jnicht die moderne
Schulgesetzgebung im allgemeinen und diejenige der städtischen Schul
deputation im speziellen die ungezogene Jugend vor angemessener Strafe.
Wie peinlich muß sich nicht ein Gemeindeschullehrer in acht nehmen, daß
er selbst den unbändigsten Rangen nicht einmal ein wenig zu hart züchtige.
Jedesmal soll der Rektor bei der Bestrafung zugegen sein und in be
sonderen Fällen auch der Schulinspektor. Der geringste Verstoß bringt
Verweis über Verweis. Und was ist die Folge? Die Zucht, welche
im Hause leider nur schon zu oft fehlt, wird durch die Schulbehörde
vor lauter Humanität fast ganz illusorisch gemacht, und es erwächst
daraus eine heillose Saat.
Redner weist hier auf Beobachtungen hin, die er kürzlich bei einem
Besuche des Stadtvogteigefängnisses zu machen Gelegenheit hatte, und
fährt dann fort: „Ja, hier muß eine Wandlung geschaffen werden! Es
fehlt in allen Lebenskreisen unserer Tage am Ernste der Zucht, und es
ist nötig, daß es hierin anders werde; daß wir uns aufraffen zum Mute
ernster Zucht und Strafe!"
Zum Schluß berührt der Redner noch die unverhältnismäßig große
Anzahl der an den städtischen Gemeindeschulen angestellten Lehrerinnen.
Redner erklärt sich hierbei als Gegner der Verwendung weiblicher Kräfte
im Schuldienste überhaupt*) und der an unseren Privat-Mädchenschulen
sehr häufigen Berufung von Schulvorsteherinnen zur Leitung der An
stalten ganz insbesondere. Das Weib gehöre in das Haus, wo es erst
im Anschluß an den Mann seine ganze wundersame Kraft gewinne und
entfalten könne. Die übermäßige Verwendung weiblicher Lehrkräfte aber
*) NB. Nicht etwa Anschauung des D. Ev. Schulvereins überhaupt oder
der Redaktion. Vgl. auch nachher die entgegengesetzte Äußerung des Rektor
Berndt.

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