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Ein Vorschlag zu Luthers vierhundertjährigem Geburtstag.
weiß Sterbendes und Auflebendes zu unterscheiden, sieht unter spätem
Schnee schon die sprießende Saat, am saftsrischen Baum noch das alte
Laub, rechnet den Frühlingsschnee nicht mehr unter die Zeichen des
Winters, sieht unter dem alten Laub bereits die junge Knospe und hat
allerwegs seine Wonne, wenn vergeht, was nichts taugt, und das Wort
Gottes besteht. Mit den Geschichtsschreibern mögen die Biographen
wetteifern. Schon ist Köstlin sein eigener Nachfolger geworden, indem
er seinem grundgelehrten zweibändigen Leben Luthers ein Buch für den
größeren Leserkreis folgen ließ, das sich auch durch trefflichen Bilder
und anderen Schmuck dem deutschen Hause empfiehlt. Auf diesen Weg
mögen andere treten, und wir werden Schriften in jedem Umfang haben,
welche zum IO. November 1883 das Alte neu erzählen, übersichtlich
und lebendig, eindringlich und farbenhell, so daß der ganze Mann und
die ganze That, und in dem Mann die That leuchtend vor dem Auge
des Volkes erscheine. Aber es muß mehr geschehen.
„Nach dem geschriebenen Wort fragt der Teufel nicht", sagt einmal
Luther, „wo es aber geredet wird, da flieht er." Der Mann des lebendigen
und mächtigen, Mark und Bein durchschütternden, Seel und Geist scheidenden,
Herz und Sinn entzückenden Wortes muß durch das Wort, das gesprochene,
das frische und warme volkstümliche und herzmäßige Wort unter das
deutsche Volk gerufen werden. Die Predigt wird in alter Weise ihre
Schuldigkeit thun. Aber je größer die Versammlungen in der Kirche sich
gestalten, je mehr die Gottesdienste auch durch Frau Musika, der Luther
die nächste Stelle nach der Theologie angewiesen hat, geschmückt sein
werden, desto mehr wird für die Prediger die alte, derbe Lutherregel
gelten: „Tritt fest auf, thus Maul auf, hör bald auf!"
Die Predigt hat nicht Zeit genug zum Erzählen der Geschichte, zur
Darstellung der Lehre, zur Widerlegung der Widersacher. Sie bedarf
der Ergänzung durch freie Versammlungen außerhalb der Kirche, in
welchen berufene Männer, Geistliche, die sich als Laien fühlen, Laien,
welche geistlich sind, vor allem Volke von Luther reden, von dem Mann
und seinem Werke. Die Zeit kommt diesem Plan aufs günstigste entgegen.
Am Sonntag vor dem IO. November ist das herkömmliche Reformations
fest. Dasselbe wird in diesem Jahr die mächtige Glocke sein, die das
Jubelfest einläutet und das evangelische Volk mit froher Erwartung
durchschauert. In den Tagen nach dem Reformationsfest mögen dann
in abendlichen Stunden Versammlungen veranstaltet werden, zu welchen
jedermann freien Zutritt hat, in den Sälen der Vereinshäuser, in den
Aulen der höheren Schulen oder wo sonst die Räume sich darbieten.

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