Eine ländliche Feier des Geburtstages des deutschen Kaisers. 83
Semmel bewirtet wurden. - Doch das Beste kam am Abend. Sämt
liche Männer, welche des Königs bunten Rock getragen, 30 an der Zahl,
waren zu 8 Uhr abends zu Appell beordert, um auf der Komman
dantur Losung und Armeebefehl entgegen zu nehmen. Solches geschah
mit militärischer Pünktlichkeit. Die Versammlung wurde eröffnet mit
dem Choral: „Vater, kröne Du mit Segen unsern König und sein
Haus," — worauf ein Dankgebet für unsers teuren Landesvaters
gnädige Erhaltung gesprochen wurde. In der darauf folgenden Festrede
wurde nun durch den Lehrer Krähn gezeigt, welch ein Unterschied sei
zwischen einem König von Gottes Gnaden und einem Usurpator, einem
Herrscher nach Volkes Gelüsten, und wurde dargethan, wie in dieser
Zeit, wo die Throne ohne Gottes Gnade wanken, es bei unserm
geliebten Herrscherhause zur geschichtlichen Wahrheit geworden: „Vom
Fels zum Meer." Nicht geringe Freude verursachte es, als daran
erinnert wurde, wie der weise König Salomo sagt: „Wehe dem Lande,
des König ein Kind ist," und wie glücklich wir seien, sagen zu können:
„Wohl unserm Lande, daß sein König ein vielerfahrner Greis, ein
erprobter Held, im ganzen Sinne des Worts ein Mann ist." Hierzu
wurde eine Parallele gezogen zwischen Kaiser Barbarossa und Kaiser
Wilhelm im weißgewordnen Bart und dabei erwähnt, wie ein Dichter,
der ja unserm Pammin entsprossen, solches so schön besungen: „Es ist
in deinen Liedern, mein Volk, dir prophezeit re." Im zweiten Teile
wurde nun hervorgehoben, wie zu einem König von Gottes Gnaden ein
Volk gehöre, in dessen Herzen die Worte: „Gott, Fürst und Vaterland"
ihre volle Bedeutung fänden, und wie zu dem Heldenkaiser Wilhelm
eine Landwehr passe, von welcher Napoleon I. bei Waterloo sagte:
„Kreuzbauer ist da, die Kampagne ist verloren." Nach einer Fürbitte,
daß Gott unsern geliebten Landesvater noch lange erhalten möge, wurde
ein dreimaliges Hoch ausgebracht und „Heil Dir im Siegerkranz"
gesungen. Darnach wurde die Losung: „Kaiser Wilhelm!" — gegeben
und der Armeebefehl mitgeteilt, welcher lautete: „Eingehauen!" Da
wird nun mancher der lieben Leser sagen: das ist ja ganz erschrecklich,
solches zu thun bei einem so frohen Feste. Doch man höre. Eine
Anzahl schön gebackener Kuchen waren in Gefechtslinie aufgestellt, an
welchen der Befehl sogleich vollzogen wurde, wozu aus schwarzweißen
Taffen Schokolade getrunken wurde. Auch eine Kiste Patronen wurde
herumgereicht, welche als gute Cigarren mit größter Gemütsruhe ver
dampft wurden. Daneben wurde noch manches im Chor und im Solo
6*

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.