Zeglin: Kraft und Milde.
85
Die Langmut, Geduld und Ergebung unseres Heilandes auf seinen
letzten Lebenswegen hat etwas Überwältigendes für uns gerade deshalb,
weil es in seiner Macht stand, seine Feinde zu zermalmen und zu Boden
zu werfen durch den Geist seines Mundes, oder seinen Vater zu bitten,
daß er ihm zuschicke mehr denn zwölf Legionen Engel. Sein Leiden und
Sterben ging aus der vollen Freiheit seines Wollens hervor; es war
eine That der höchsten weltüberwindenden Liebe, die höchste Probe der
Geduld im Sinne der heiligen Schrift.
Die Geduld, von der die Schrift redet, ist nicht die Passivität des
Geistes und Körpers gegenüber den Schlägen des Schicksals, sondern sie
ist das thatkräftige Ausharren in dem Gottvertrauen, das Festhalten an
der Freudigkeit, welche nicht zu schänden werden läßt. Solche Freudig
keit verleiht das Vermögen, alles zu dulden und zu entbehren, wenn
Gottes Wille es so gebietet.
Es ist eine der schönsten und lohnendsten Aufgaben der Erziehung,
den Willen des Kindes durch Gewöhnung, Zucht und Mahnung dahin
zu führen, daß er in Selbstverleugnung sich einem höhern Willen unter
zuordnen vermag. Es frommt nicht, die kräftigen, selbstbewußten
Äußerungen des Naturwillens völlig zu ertöten und zu vernichten; es
kommt im Gegenteil darauf an, die volle Spannkraft und Beweglichkeit
des Willens zu erhalten, sie aber in den Dienst Gottes zu stellen, so
daß die ungestüme Naturgabe verklärt werde in die Milde göttlich
gerichteten, erfolgreichen Thuns. —
Es ist sehr zu empfehlen, bei jedem Unterrichtsgegenstande die
Kräftigung des Willens nach Möglichkeit zu erstreben. Entfaltung und
Herausbildung der vollen Kraft, dabei aber die Übung, diese Kraft
wirksam zu zügeln: das ist der heilsame Weg, den man in Unterricht
und Erziehung überall innezuhalten hat. Ein gutes Lesen mit melo
discher, jedweder Modulation fähiger Stimme ist nur zu erreichen,
wenn der Schüler zunächst angehalten wird, mit voller Kraftanstrengung
jeden Laut klar und scharf zu bilden, wenn er genötigt wird, mit durch
dringendem, klangreichem Tone zu sprechen. Man erinnere sich an
Demosthenes, der es zunächst darauf anlegte, das Brausen des Meeres
mit seiner Stimme zu übertönen. Wenn ein so geschulter Rhetor mit
leiser Stimme liest und spricht, so ist das etwas ganz anderes, als
wenn ein Ungeübter in schläfriger, energieloser Weise seine Worte
„dahersäuselt."
Man verlangt vom Schüler, daß er bei seinen ersten Schreib-

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.