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8cgltn; Kraft und Milde.
Übungen die Grundstriche gehörig markiere, so daß sich dieselben von
den Haarstrichen erkennbar abheben. Es versteht sich von selbst, daß
später beim schnellen Schreiben die Grundstriche nicht mehr in so markiger
Weise dargestellt werden; die Schrift schleift und rundet sich ab; aber
man sieht einer ausgeschriebenen Handschrift sogleich es an, ob dieselbe
aus der Schule der kräftigen Grundstriche hervorgegangen, oder ob sie
unter verwaschenen Gewöhnungen groß geworden ist. —
Es klingt gewiß nicht angenehm, wenn ein Gesangchor in schüler
hafter Weise die zu betonenden Silben in ungebührlicher, auffälliger
Weise hervorhebt, so daß die leichten Silben wie halb in der Kehle
zurückgehalten erscheinen. Aber man tadle die gute Absicht nicht, welche
der Dirigent hatte, als er seine Sänger so gewöhnte. Es handelt sich
eben beim ersten Stadium des Lernens darum, das Richtige und Gute
zunächst durch scharfe Markierung in die Gewöhnung und in das Gefühl
aufnehmen zu lassen; ist das geschehen, so mag dann eine Abschleifung
der Schul-Ecken und -Kanten eintreten. Ein guter Gesang und ein sinn
volles, deutliches Aussprechen des Textes sind ohne die Hervorhebung
der schweren Silben im Beginn der Gesangsstudien nicht möglich.
Auch beim Klavierspiel soll man darauf halten, daß die charakter
volle Betonung der sogenannten guten Taktteile nicht versäumt werde; es
bekommt sonst leicht die Musik etwas Verwaschenes und Charakterloses.
Freilich soll diese Hervorhebung nicht ins Pedantische und Hölzerne aus
arten, aber es ist ein Zuviel immerhin noch eher zu ertragen als ein
Zuwenig, das schließlich den Verlust alles Markigen und Charaktervollen
zur Folge hat.
Milde und Kraftlosigkeit sind nicht ein und dasselbe; das sieht man
schon an „greisendem Wein", dessen kraftvolles Feuer mit der zunehmenden
Milde in gleichem Maße wächst. Ein geklärtes Alter, das den Jugend
schaum abgestoßen hat, vereint mit der wohlthuenden Milde Charakter-
und Machtfülle. Eine reife Frucht hat beides: Milde und Schärfe,
während freilich zum Wesen der unreifen Frucht die Herbigkeit und Säure
gehört. Genau so steht es mit gesunder und ungesunder Frömmigkeit.
Sentimentales, in falschem Pietismus einhergehendes, thaten- und kampf-
fcheues Christentum hat etwas Ungesundes und ist nicht imstande, die
Welt zu überwinden, während eine auf der Freudigkeit des Glaubens
ruhende Frömmigkeit, wie sie sich in Luthers Leben abspiegelt, als eine
Lebensmacht sich erweist, deren Einwirkung nicht so leicht Jemand auf
die Dauer sich entziehen kann.

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