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Schiilblatt.
Evangelisches
1. Januar 1870.
I. Abtheilung. Abhandlungen.
Religionsunterricht im Zeitalter der Reformation, besonders
in Deutschland.
Ein Conferenzvortrag von K. Strack, ev. Pfr. zu Großen-Buseck bei Gießen.
Wir dürfen keineswegs die Behauptung aufstellen, daß vor Einführung der
Reformation in Deutschland, während des ganzen Mittelalters gar kein Religi
onsunterricht ertheilt worden sei. Einer solchen Annahme widerspricht das Wesen
des Christenthums selbst, welches als eine auf historischen Thatsachen beruhende
Religion, ohne Belehrungen über seinen Stifter, über dessen Leben und Wirken,
Leiden und Auferstehung gar nicht bestehen kann uud in sich selbst zerfallen würde.
Es muß also auch in den finstersten Zeiten der christlichen Kirchengeschichte ein
Minimum von einer Unterweisung zur Seligkeit durch den Glauben
an Christum stattgefunden haben. Es ist bekannt, daß in der älteren christli
chen Kirche die Katechumenen längere Zeit hindurch Belehrung empfingen, bis sie
zur Taufe zugelassen wurden. Auf dem Concil zu Rheims 625 wurde aus
drücklich bestimmt, daß jeder Priester allen seinen Pfarrkindern das apostolische
Glaubensbekenntniß und das Vater Unser, entweder selbst einprägen oder durch
Andere einprägen lasse; wer beides nicht hersagen könne, dürfe nicht zum heiligen
Abendmahl zugelassen werden. Ebensowenig dürfe Jemand, der solches nicht im
Stande sei, eine Pathenstelle übernehmen, denn die Taufzeugen würden verpflich
tet ihren Pathenkindern beides einzuprägen Langemack Historia catech. I. 262).
Auf dem berühmten Frankfurter Concil 794 wurde im 33. Canon verord
net: der katholische Glaube von der heiligen Trinität, d. h. das athanasianische
Glaubensbekenntniß, das Gebet des Herrn und das apostolische Glaubensbekennt
niß sollten allen Christen gepredigt und mitgetheilt werden (Langemack, I. 274).
Karl der Große hat eine Anzahl Verordnungen gegeben, welche alle darauf ab
zielen, daß die Kenntniß des apostolischen Glaubens und des Vater-Unsers Ge
meingut aller Christen werdet) Nach einer Bestimmung vom Jahre 804 soll
ten sogar diejenigen, welche den Glauben und das Vater Unser nicht lernen
wollten, mit Fasten und Schlägen bestraft werden. 813 bestimmte das Concil
zu Mainz und ziemlich gleichzeitig das zu Tours und Rheims, die Kinder sollten
fleißig zur Schule angehalten oder den Mönchen in den Klöstern und sonst den
Geistlichen zur Unterweisung übergeben werden. Letztere sollten das Volk ernst
lich ermahnen, daß es das symb. apost. und das Vater Unser fleißig lerne.
Zu Rheims und zu Tours wurde noch hinzugefügt, die Unwissenden sollten aufs
Einfältigste im christlichen Glauben unterrichtet werden, sonderlich von der Auser-
* Vgl. Beiträge zur Geschichte der Katechetik von Dithmar. Marburg, 1848. S. 10.

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