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Evangelisches Schnlblatt.
Anfang Juli 1874.
I. Abtheilung. Abhandlungen.
Erinnerungen aus dem Leben eines Landschullehrers.
8. Das Amtsleben.
a. Niedrigkeit und Hoheit des Lehramtes.
Wenn der allwissende Gott, welcher Herzen und Nieren prüfet, die Ge
danken jedes Schulamtskandidaten anschaut, dem er ein Amt übergiebt, so sieht
er gewiß die widersprechendsten Begriffe über dasselbe und seine Bedeutung.
Selbst da, wo ein Herz den redlichsten Willen für das Amt und die würdigste
Anschauung von demselben mitbringt, beeinträchtiget der Teufel, dem alle gött
lichen Anstalten und Ordnungen ein Dorn im Auge sind, und der auch auf die
Kinderwelt so mächtige Angriffe richtet, daß mit deren Abwehr die vornehmsten
Engel betraut worden, durch irgend einen naturwüchsigen Fehler im Herzen des
Berufenen die völlig nüchterne, klare Würdigung des Amtes. Das liebe „Ich"
kommt eben mit hinein und mischt sich in alle Vorstellungen, so daß der ange
hende Lehrer sich zum voraus in seinem Amte schon erblickt als Künstler und
Kämpfer, als Regierer und Herr, als Bahnbrecher und Preisgekrönter, als
Schöpfer und Erhalter neuer Ordnungen und neuen Lebens. ' Wer unter uns,
denen einst eben so zu Muth war, möchte deshalb einen Stein auf den Andern
werfen? Der Herr kennet die Seinen, und setzt nach und nach ihr „Ich" auf
Null herab, damit sie es inne werden, daß das Amt keines Menschen und die
Ehre desselben nicht eines Menschenkindes sei, sondern daß nur Ein Herr ist,
von dem das Amt kommt und dem alle damit verbundene Ehre gebührt, weil
er allein im Amte Kraft und Weisheit, Trost und Zuversicht verleiht.
Wer aber im Lehramt nicht den redlichen Willen hat, des Herrn zu sein
und ihm zu dienen, der wird, je rosiger er sich vorher Alles ausgemalt, selber
nachher um so rostiger werden, wenn er sieht, daß viele seiner Pläne gescheitert,
seiner Hoffnungen getäuscht, seiner Anstrengungen nicht den Erwartungen gemäß
anerkannt und belohnt worden sind.
Aus diesen Gründen halte ich es für nützlich und gut, unserm Amtsleben
ein Wort über seine Niedrigkeit und Hoheit an die Spitze zu stellen.
Weiß ich doch ohnehin, daß die Niedrigkeit des Lehramtes nicht Wenigen unter
uns eine Quelle des Gedrücktseins ist, die Hoheit des Amtes aber nicht selten
einem verschlossenen Garten mit den lieblichsten Früchten gleicht.
Zunächst rufe ich Jedem, der ein Lehramt begehrt zu:
Kannst du nicht groß im Kleinen sein
Und klein im großen Ganzen bleiben,

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