Federzeichnungen.
ai»
fühlte ich mich gedrungen, mir das Kind nach seinem ganzen Wesen, besonders nach
seinen Charaktereigenthümlichkeiten auszumalen. Ich versuchte den Gedanken abzu
weisen. Aber wer kennt nicht die Zähigkeit eines einmal zum Leben gebornen Ge
dankens ? Manche derselben sind die zudringlichsten und gehässigsten Gäste und
Bettler; sie wollen und müssen ausgesprochen werden und helfen auf diesem nicht
mehr ungewöhnlichen Wege einer guten Anzahl Brüdern ebenfalls an das Tages
licht. Also ich mußte die eben von mir gegangene Schülerin croquiren d. h. zeichnen.
Nachdem ich damit fertig war, meldeten sich die Bilder anderer Schüler und
Schülerinnen; sie ließen sich ebenfalls nicht abweisen. Ungefähr zwei Stunden beschäf
tigte mich diese Arbeit. Als ich nach Hause kam, war ich noch nicht fertig und es
meldete sich nun ein noch unverschämterer Geselle in der Form: Das mußt du nie
derschreiben! Diesen Gesellen habe ich seit einigen Jahren durchaus nicht zu meinen
Freunden gezählt. Ich hasse das Niederschreiben, nicht weil es mir Mühe, sondern
körperlichen Schmerz bereitet. Aber dieser Gedanke: das mußt du niederschreiben!
ist einer von den allermächtigsten und hat manchen Menschen um Amt und Brod
gebracht, freilich auch viele zu Ehren und Reichthum und Unsterblichkeit. Ich bedachte,
daß, falls ich mich fügen wollte, würde ich im schlimmsten Falle nur einige Schmer
zen zu ertragen haben und gab mich an die Arbeit. Zwei Zeichnungen machte ich
fertig, da legte ich die Feder weg. — Später wurde ich veranlaßt, die Arbeit fort
zusetzen. Das Dutzend ist freilich nicht voll geworden, obschon ich mehr als 12
Schüler zu unterrichten habe. Es ist nicht voll geworden, weil ich merkte, daß doch
einige öfter wiederkehrende Züge der Arbeit den Charakter der Einförmigkeit auf
drückten und daß ich es nicht verstehe, diese unvermeidlich wiederkehrenden Züge in
das rechte Licht zu stellen. Würde nun diese scizzenhafte Arbeit, die freilich auch nur
den Anspruch einer Scizze erhebt, dazu dienen, den einen oder andern Collegen, der
besserer Maler ist, der einen feinern psychologischen Pinsel führt und die Farben
lebenswarm und frisch aufzutragen weiß, zu veranlassen, mir auf dieses, soviel ich
weiß, noch unbebaute Feld zu folgen, so würde mich das von Herzen freuen, und
ich darf versichern, daß er keinen aufmerksameren Zuschauer haben würde, als mich,
da es ja bekanntlich einen wundersamen Reiz gewährt, zu sehen, wie andere die
Riffe, an denen unser Schifflein scheiterte, glücklich umsegeln.
Nr. 1. Da sitzt vor mir ein Knabe der II. Abtheilung mit weißem, kurz
gehaltenem Haar, mächtigem Hinterkopf und wasserblauen Augen. 11 Jahre
zählt der kleine, wohlproportionirte Kerl. Er strotzt von Gesundheit, ohne fleischig zu
sein. Vielmehr ist er, was man muskulös nennt, so ein Junge, woran besonders
die Turnlehrer ihre Freude haben. An dem ganzen Menschen ist nichts Mattes,
Schlaffes oder Schwaches. Erhält ihn Gott gesund, was nicht zu bezweifeln, denn
seine 7 Geschwister sind alle solche Kernnaturen, und seine Eltern gehören zu den
gesundesten Menschen, welche ich je gesehen, so wird er einmal eine Mustergestalt
nach dem Herzen des alten Turnlehrers Jahn, ein zweiter Friesen, werden. Er ist
an jedem Geräthe zu Hause; er turnt in den Pausen bei 20° Wärme eben so
unverdrossen, als bei dem erfrischendsten Herbst- oder Früjahrswetter. Dabei führt
er seine Uebungen, wie die Preußen 64 in Dänemark ihre Siege, elegant aus.
Immer ist er fröhlichen Humors, und wenn eine Dummheit vorkommt, wie das ja
wohl in den Räumen, die wir Schule nennen, vorzukommen pflegt, dann ist er der
erste, der ein herzliches Lachen anstimmt. Aber Niemand, der ihm sein Lachen übel
nähme oder es ihn entgelten ließe. Er nähme es auch entschieden nicht ruhig hin,
sondern seine nervigen Fäuste würden es den Angreifer gar übel vermerken lassen.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.