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II. Abtheilung. Zur Geschichte des Schulwesens, Biographien,
Correspondenzberichte, Erfahrungen ans dem Schul- und
Lehrerlebeu re.
Zur Geschichte des Schulwesens im Siegerlande in alter Zeit.
(Von Kanzlei-Rath Friedr. Goebel in Siegen.)
Wenn vor der Reformation nur erst der Bürger in Handels- und gewerb-
fleißigen Städten und Städtchen das Bedürfniß fühlte, seine Jugend im Lesen,
Schreiben und Rechnen von umherziehenden Mönchen unterrichten zu lassen, so
ward es seit der Reformation in der römischen Kirche für wünschenswerth und
in der evangelischen für nothwendig gehalten, daß auch der Landbewohner nicht
leer ausginge von der Wohlthat des öffentlichen Unterrichts in den gemeinnützig
sten Kenntnissen des Christen und Menschen.
Graf Johann der Aeltere von Nassau, ein edler, tieffrommer Herr, dessen
Vater Wilhelm, mit dem Beinamen „der Reiche", den er in der Sondergeschichte
Naffau's führt, im Jahre 1530 sich für die erneuerte Lehre des Evangeliums
entschied, war für das Kirchen- und Schulwesen seines Landes äußerst besorgt.
Nach Johann Hermann Steubing gab es vor dem Jahre 1569 noch keine deutsche
Schulen im Lande.*) Auf diesen Mangel wurde der Graf durch M. Gerhard
Eoban Geldenhauer, genannt Noviomagus, und den Dillenburger Pfarrer und
Jnspector Wilhelm Zepper auf dem Diezer Convent hingewiesen 1582, auf
welchem eine für jene Zeit bewunderungswürdige Schulordnung unter dem Titel:
„Von Anordnung und Bestellung deutscher Schulen in den Städten, Flecken und
Dörfern" (l x /2 Bogen von Zepper's Hand eng geschrieben) aufgestellt wurde.
Nun legte der Graf in jedem Pfarrdorfe eine deutsche Schule an, der er Can-
didaten des Predigtamtes vorsetzte, die zugleich als Diaconen die älteren Pasto
ren unterstützten. Bis zum Jahre 1594 waren auf diese Weise überall diese
Kirchspielsschulen entstanden und hie und da in größeren Gemeinden auch Dorf
schulen. Doch der Graf ging in seinen edlen Bestrebungen noch weiter. Er
erkannte auch die Nothwendigkeit der Heranbildung des weiblichen Geschlechtes,
für welche bisher noch nichts gethan worden war und sorgte auch für Mädchen
schulen. „Demnach nicht wenig daran gelegen, schreibt er den 27. Mai 1598
an den Professor Johann Piscator in Herborn (den scharfsinnigen Dogmatiker),
sondern es zur Beförderung der Ehre Gottes und der Menschen zeitlichen und
ewigen Wohlfahrt erklärlich dienet, daß christliche Obrigkeit und treue Seelsorger
ja männiglich dahin trachten und arbeiten helfen, wie nicht allein Mannspersonen,
sondern auch die Weibsbild zu der Furcht Gottes, aller Zucht, Tugend und
Ehrbarkeit erzeigen und daneben auch zum allerwenigsten zum Schreiben, Lesen, wie
auch sonst allem Guten, welches ihnen und ihren Anverwandten Hernachmals in
ihrem Stand und Haushaltung sammt dem gemeinsamen Besten nützlich und zu
träglich sein mag, mit allem Fleiß angehalten, unterwiesen und dazu, soviel ihnen
nur möglich, befördert werden möchten. Derohalben wir denn auch in Werk und
Arbeit sind, hin und wieder, wo wir nur können, neben andern auch Mädchen-
*) Kirchen- und Reformations-Geschichte der Oranien-Nassauischen Lande. Hadamvr, 1804.
Seite 166.

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