Wer Ohren hat, zu hören, der höre!
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Wandsbecker Boten bewahrheiten sich zu allen Zeiten und in allen Ständen stets von
neuem. Namentlich in der lieben Weihnachtszeit kommt ihre Wahrheit tausendfach zur
Geltung, und wer Augen hat, zu sehen und Ohren, zu hören, der muß es inne werden,
daß Glück und Frieden nicht von der Größe der äußern Güter und Gaben, sondern
von der Demuth und Gottseligkeit des Herzens abhängen. — Weihnachten ist ein Fest
der Liebe, und der Liebe ist das Geben ein seliges Geschäft; sie kann sich darin
nicht genug thun. Die Eltern können es nicht lassen, ihre Kinder reichlich zu beschenken
und ihnen das Fest dadurch lieblich zu verklären. Nun, wer wollte das den Eltern
wehren! Auch irdische Gaben können das Herz empfänglich machen für die große
Himmelsgabe, die uns in Christo, dem Sohne Gottes geschenkt worden ist. — Aber
die Sache wird sofort bedenklich, wenn, wie das heutzutage leider so vielfach Mode ge
worden ist, die Eltern bei der Auswahl der Geschenke, und namentlich der Spielsachen,
für ihre Kinder nicht Maß halten können. Man klagt so viel über die Flüchtigkeit
und Zerstreutheit der Kinder in den Schulen (vgl. z. B. Briefe über Berliner Er
ziehung); die Augen und Gedanken der Kinder gehen in unruhiger Hast hin und her
und kommen bei keinem Gegenstände zu rechter Sammlung. Es ist mir nicht zweifel-
haft, daß das Uebermaß in den Weihnachtsgeschenken einen großen Theil der Schuld
trägt, daß dem so ist. Hier sollten Eltern und Lehrer doch recht Acht haben, daß wir
wieder zu der alten Einfachheit und Nüchternheit zurückkämen. Das Kind wird seiner
Einfalt beraubt durch die Ueberfälle der Gaben; es verlernt schon sehr früh, sich so
recht von Herzen zu freuen über kleine Gaben und in rechter Dankbarkeit sie zu be
nutzen. — Aber noch mehr: die Phantasie, der Kinder verarmt bei der glänzenden
Ausstattung unserer heutigen Spielwaaren. Ein Kind ist Gottlab so geartet, daß es
aus Allem Alles zu machen weiß. Wer Kinder beobachtet hat, weiß, daß sie aus
einem Lineal, einem Kissen, einem Buch und dgl. jedes lebende und todte Wesen durch
ihre Phantasie schaffen können. Sie leben in dem glücklichen Stande der Unmittel
barkeit, wie sie nur bei naturwüchsigen, von der Civilisation noch nicht beleckten Völ
kern vorhanden ist, wo die Poesie mit ihrem Duft noch das ganze Dasein verklärt
und wo Alles im Leben personificirte Gestaltung annimmt. — Und nun denke man sich
eine Kinderphantasie, die sich nähren soll an den mit allem Glanz und Comfort ausge
statteten heutigen Spielwaaren. Diese Spielwaaren sind so vollendet in der Ausführung,
daß für das Kind eben gar nichts mehr dabei zu thun bleibt, sie sind Wirthschafts
und Kunstgegenstände en miniature. — Geht man durch die Spielwaarenhandlungen
unserer größeren Städte, so findet man da Puppen, Puppenstuben, Leierkasten, Küchen,
Küchengeräthe rc. bis zu den enormen Preisen von 20 bis 25 Thlr. (60—75 Mark); —
und diese Ungeheuer von Spielsachen müssen doch wohl auch gekauft werden! — O du
heilige Kindereinfalt, wie wirst du betrogen um dein schönstes Theil, um welches willen
der göttliche Kinderfreund dich uns Großen zum Muster hingestellt hat! — Wie wirst
du betrogen um dein Lebensglück, du Jugend des deutschen Volkes! und das Alles ge
schieht von denen, die in ihrer Liebe sich nicht genug thun können. Wahrlich, sie wiffen
nicht, was sie thun!
Die Erfahrung lehrt es immer von neuem, daß in der überreichen Fülle des
äußern Besitzes das innere Leben verarmt. Ach, das Groß und Viel thuts nicht,
beim Kinde erst recht nicht; es bringt im Gegentheil Ach und Weh. Was wir am
heiligen Christabend manchmal wahrnehmen, — daß das Uebermaß auffegender Ge
nüsse bei den Kleinen häufig in Weinen zum Abschlüsse kommt, das mag uns denselben
Verlauf im Großen und in weiten Gebieten und Kreisen verdeutlichen. Frühe Ueber-
sättigung, — Gleichgültigkeit gegen das Ideale, — Unfähigkeit, in jugendlicher Frische

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