Allgemeine Chronik des Volksschulwesens.
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welche zum 13. Mal erschienen ist, zu empfehlen. Man kann sich zwar denken,
daß auf 164 Seiten kl. 8° auch bei compressem Druck kaum das Wichtigste und
auch dieses nur kurz betrachtet werden kann; auch läßt sich eine, wenn auch nur
relative Vollständigkeit nicht erwarten; aber man muß dem Verf. das Zeugniß
geben, daß er geleistet hat, resp. leistet, was unter solchen Verhältnissen möglich
ist. Der jetzige Jahrgang bringt auch die fremden Erdtheile, soweit dem Heraus
geber Berichte zu Gebote standen. Außerdem hat er dem „Allgemeinen" mehr
Aufmerksamkeit geschenkt und es soll das, so wie auch die diesjährige Behand
lung der Pädag. Literatur, eine wesentliche Erweiterung der Chronik anbahnen,
die womöglich mit dem nächsten Jahrgange ins Leben treten soll. Es soll näm
lich neben der Vorführung der äußeren Gestaltung des Volksschulwesens fortan
auch die innere Entwickelung der einzelnen Gebiete der Pädagogik unter Hinweis
auf die bezüglichen Schriften zur Darstellung kommen.
Der Herausgeber ist zwar jetzt Geistlicher; aber es bedarf nicht der Versi
cherung von seiner Seite, daß er nicht als solcher, sondern als Schulmann, was
er mehr als 20 Jahre gewesen, die Chronik bearbeitet habe. Er gehört zu den
freisinnigen Pädagogen der Gegenwart, wie das auch seine Stellung zum preu
ßischen und deutschen Lehrerverein beweist. Auch in der Chronik selbst tritt die
ser sein Standpunkt fast auf jeder Seite hervor, wie er sich gleich zu Anfang
gegen die confessionell geschiedenen Schulen ausspricht. Auch die auf christlich
positivem Boden stehenden Lehrervereine finden wenig Gnade bei ihm. Mit unver
kennbarer Geringschätzung weist er hin auf die meistens geringe Zahl ihrer Mit
glieder. So gedenkt er der „hessischen Conferenz des deutschen evangelischen Schul
vereins zu Frankfurt a/M.," bei deren Versammlung Ostern 1877 nur 97 Theil-
nehmer, darunter 15 Geistliche, 14 Schulinspectoren rc. und 55 Elementarlehrer
zugegen gewesen seien. Bei der Versammlung christlicher Lehrer und Schulfreunde
in Cassel hätten sich nur 18 Lehrer und ein Kaufmann eingefunden. Wie zahl
reich waren dagegen die andern Lehrerversammlungen in den einzelnen deutschen
Staaten besucht! Allerdings ein nicht unbedenkliches Zeichen der Zeit.
Doch gehen wir ein wenig näher auf den sachlichen Inhalt ein, um so einen
Ueberblick über die Schulverhältniste der Gegenwart zu gewinnen. Eine der wich
tigsten Schulfragen unserer Zeit ist die, ob confessions- oder gemeinsame
Schulen? Die bei weitem überwiegende Ansicht unter den Lehrern, wie solche bei
deren Versammlungen zum Ausdruck kommt, spricht sich für die letztere aus. Der
Herausgeber meint, diese Ansicht werde auch den Sieg davon tragen, da die Ab
grenzung der Schulen nach Confessionen nichts anderes hieße als die Schulen den
einzelnen Confessionen überantworten, also wieder die früheren Kirchschulen ein
führen und den Zwiespalt in Deutschland permanent erklären. Auch die städti
schen Behörden sind meistens für Paritätische Schulen; so haben in der preuß.
Rheinprovinz viele derselben deren Einführung beschlossen und die Genehmigung
der Regierung erhalten. In Cöln wurde letztere versagt, wogegen die städtischen
Behörden an das Ministerium appellirten. Der jüdische Gemeindevorstand legte
beim Cultus-Ministerium Protest gegen die Aufhebung der jüdischen Schule ein;
ebenso petitionirte das evang. Presbyterinm für Beibehalt der ev. Confessionsschu-
len. In dem Provinziallehrerverein von Schlesien empfahl Lehrer Winkler-Schrei-
berhau die Vereinigung getrennter Schulen unter confessionell gemischter Bevöl
kerung. Dadurch würden die confessionellen Gegensätze gemildert, sowie religiöse
Duldsamkeit und Glaubensfriede gefördert. Es sei diese Vereinigung eine Schutz-

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