Beilage zum Evangelischen Schulblatt.
Deutsche Schutzeitung.
Anfang Oktober 1879.
Korrespondenzen.
Aus der Provinz Sachsen. Es ist in früheren Blättern eines Er
lasses der Königlichen Regierung in Merseburg gedacht worden, welcher
eine ernste Mahnung an die Lehrer zu einem ihrem Berufe und Amte entsprechenden
Verhalten enthielt. Dieser Erlaß hat als ein vor der Zeit gebotenes, wohlge
meintes Wort im Allgemeinen eine beifällige Aufnahme gefunden. Anders ist es
mit dem bekannten Erlasse der Königlichen Regierung zu Oppeln. Der
selbe hat in verschiedenen Kreisen, selbstverständlich ganz besonders im Kreise der
Lehrer eine gewisse Aufregung hervorgerufen, so daß ein Wort zur Beruhigung
am rechten Orte sein dürfte. Der „Reichsbote" enthält ein solches Wort, welches
in Nachstehendem mitzutheilen uns gestattet sein möge. Es lautet:
„Der Erlaß der Königlichen Regierung zu Oppeln hat im ganzen Lande
ein peinliches Aufsehen erregt. Nachdem derselbe in öffentlicher Abgeordnetensitzung
verhandelt und er durch alle Blätter gewandert ist, wäre es ein Unrecht, die Zu
stände sich näher besehen zu wollen, von denen der Erlaß so traurige Kunde
giebt. Wir sehen dabei davon ab, auf welche Weise er in die Presse gekommen
und in welcher Art er vor dem Hause verhandelt ist; wir wollen auch über den
Ton der Verfügung schweigen und ebenso nicht untersuchen, ob die Verfügung,
geheim oder veröffentlicht, ihren Zweck erreicht. — Wir wollen lediglich bei der
durch sie offenbar gewordenen Thatsache einen Augenblick verweilen, der traurigen
Thatsache, daß eine solche Verfügung nothwendig geworden ist in unserem Staate
der „Intelligenz, der Schulen und Kasernen." Denn die Thatsache, daß die in
der Verfügung aufgezählten Vergehen und Verbrechen (leichtsinniges Schulden
machen, unmäßiger Bier- nnd Branntweingenuß, unordentliches Umhertreiben auf
Tanzböden in Gemeinschaft mit bescholtenen Frauenzimmern, Schwängerungen, ge
wissenloser Versäumung der Amtspflichten, Raufereien und Schlägereien im An
gesicht der Schuljugend und Ortsbewohner, skandalöse Trunkenheit, Spielwuth,
unsittliche Handlungen mit Schulmädchen, Gotteslästerung, Meineid) — daß
diese Vergehen und Verbrechen vorgekommen sind, das ist leider nicht zu bestrei
tende Thatsache, zu der wir aus unserer eigenen Erfahrung manches Belegstück
aufzählen könnten, und die durch ähnliche Verfügungen der Regierungen zu
Potsdam, Erfurt und Merseburg mehr oder weniger erhärtet wird. Allein
unrecht ist es, diese Einzelheiten zu verallgemeinern und dem ganzen Stande einen
Makel anzuhängen, dunkel und schwarz wie die Nacht. Man überschaue die Ver
brecherwelt, man besuche die Zuchthäuser und Trinkerasyle, und man wird Leute
aus allen Ständen auf den dunkeln Bahnen des Verbrechens finden; hohe und
niedere Staatsbeamte, Adelige und Bürgerliche, Gelehrte und Ungelehrte: sie alle
stellen ihr Contingent zu dem Auswurf der Menschheit. Wer aber hätte den
Muth, um deswillen den Stein auf die Stände selbst zu werfen und sie als

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