Dr, Boodsteins Recension der „Leidensgeschichte".
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doch die gemachten Hinweisungen so wenig mißverständlich, daß wennauch nicht dezure,
aber doch de facto der Geistliche wieder als der geborene Schulinspektor am Horizonte
erscheinen mußte. Gleichzeitig sollte letzterem das vom Staate angebotene Amt durch
den Hinweis annehmbarer gemacht werden, daß er selbst der disziplinarischen Aussicht
des Kreis-Schulinspektors vollständig entrückt und lediglich unter seine eigene moralische
Verantwortung gestellt werden sollte. Mag man nun über diese Sache denken, wie man
will — ich für meine Person gestehe gern und offen, daß ich auf die Mitwirkung ge
eigneter Geistlichen innerhalb der Schulvorstände unter keinen Umständen verzichten
möchte — so muß man doch zugestehen, daß sowohl in der Art und Form des aus
gesprochenen Urteils als auch in der eröffneten Perspektive eine bedenkliche Reizung des
gesamten Standes und ein Widerspruch gegen die Wünsche und Hoffnungen der über
wiegenden Mehrzahl der Lehrer gesehen werden konnte. Es war deshalb zu erwarten,
daß sich an die Rede lebhafte Erörterungen in Lehrerkreisen und Zeitschriften kniipfen
würden. Während aber die einen besonders die scharfe Kritik gewisser Erscheinungen
zunr Gegenstände einer anders gefärbten Beleuchtung machten, glaubten andere aus der
eröffneten Perspektive Befürchtungen der schlimmsten Art herleiten zu können, und malten
die Teufel der schwärzesten Reaktion an die Wand. Dörpfeld wollte weder ausschließlich
das eine, noch das andere thun; suchte vielmehr, indem er die Kritik der Rede bis an
das Ende seines 300 Seiten starken Buches verschob und in einem Anhange „die politi
schen Parteien und die Volksschule," und zwar von dem Gesichtspunkte aus, daß die
ersteren allzumal Sünder sind und vor dem Forum der Volksschullehrer des Ruhmes
ermangeln, den sie haben sollten und könnten, in seiner Weise beleuchtete, nun zu zeigen,
wie er die Verwaltung der Volksschule und die Verhältnisse der Volksschullehrer regeln
würde, wenn er nämlich Regente wäre. Kann ich nun vielleicht auch zugeben, daß
Dörpfeld in seinen Ausführungen die Wünsche der großen Mehrzahl der Volksschullehrer
registriert und ein in seiner Art konsequent durchgeführtes Gebäude konstruiert, so kann
ich doch nicht der Meinung sein, daß damit der Volksschule und ihren Lehrern besonders
Heil widerführe, da das Geforderte zu einseitig die Interessen des Lehrerstandes berück
sichtigt, die der anderen Interessenten aber außer acht läßt oder nur so nebenher mit
einem Brocken bedenkt, den Schwerpunkt immer darauf legend: „Die ganze Volksschule
für die Lehrer." Sollte jemand darüber in Zweifel sein, ob solches, wenn auch vielleicht
nicht schroff ausgesprochen, so doch wenigstens gemeint sei, so verweise ich denselben
auf S. 25, Abschnitt 5, Nr. 2, wo der Lehrer als der ausgleichend-regulierende Faktor
gedacht wird, d. h. als derjenige, welcher den Ausschlag giebt, das Zünglein der Wage
in der Hand hält, geborener Vicepräsident des Schulvorstandes ist u. s. w. Der Ver
fasser begiebt sich damit auf ein Gebiet, das der Lehrerschaft, und zwar mit vollem
Recht, noch in ungleich höherem Maße streitig gemacht werden dürfte, wie der Anspruch
mancher Geistlichen, daß in ihnen die Kirche personifiziert sei und sie sich deshalb mit
der Kirche identifizieren könnten. Denn der llnterricht und die Erziehung der heran
wachsenden Geschlechter hat eine so große Bedeutung für das allgemeine Wohl, daß das
Zusammenwirken aller dabei interessierten Faktoren für diese eine Lebens- und Zu
kunftsfrage bilden müßte. Wer auf eine Mitwirkung verzichtete oder verzichten müßte,
der entzöge sich nicht nur einer heiligen Wicht, sondern der Ausübung eines wichtigen
Rechtes, was sich bitter an ihm rächen könnte. So bereit ich also wäre, auch dem
Lehrerstande eine Vertretung im Schulvorstande, wenigstens die Möglichkeit, sich in dem
selben nachdrücklichst zu Gehör zu bringen, zuzubilligen, so wenig könnte ich für die
Vorherrschaft des Lehrertumes in dem Schulvorstande eintreten, und glaube ich, daß
Schule und Lehrerschaft überall gut fahren würden, wenn letztere weniger durch das
Pochen auf ein verbrieftes Vorrecht, als dadurch wirkte, daß sie überall persönlich und
sachlich überzeugend für das Wohl der Schule einträte. Zur Erledigung der meisten
Geschäfte des Schulvorstandes ist wirklich ein Eindringen in die eleusinifchen Geheimnisse
der Unterrichtstechnik und Methodik entbehrlich; im übrigen dürfte der gesunde Menschen
verstand wohlmeinender Schulfreunde imstande sein, bei sachlich ausreichender Begrün
dung selbst gewisse technische Fragen richtig zu beurteilen. Aber auch für die persön
liche Stellung des Lehrers dürfte mehr gewonnen werden, wenn seine Interessen weniger
durch ihn selbst, als durch andere Personen vertreten würden. Mit dem eben be-
schrochenen Ansprüche hängen eng zusammen die Ansprüche auf die Übertragung aller
möglichen Schul-Aufsichtsämter an Leute, die aus dem Volksschullehrerstande hervor
gegangen seien, und zwar für die Stellen bis zu den obersten Instanzen. Wenn darunter
lediglich sachkundige Schulleitung und Aufsicht verstanden wäre, könnte man zu-

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