April 1887.
I. Abteilung. Abhandlungen.
Einige Grundfragen der Ethik.
Vom Herausgeber.
Zur Einleitung.
Bedarf es erst einer Rechtfertigung, wenn ein Schulblatt sich auch einmal
eigens mit Untersuchungen aus dem Gebiete der Ethik beschäftigen will? Es könnte
in der That so scheinen, da die Schulblätter höchst selten Aufsätze solcher Art zu
bringen pflegen. Wohl kommen in denselben häufig ethische Forderungen zur
Sprache, aber eben als ausgemachte Wahrheiten, also nur in dem Sinne, um
dieselben heller ins Licht zu stellen oder sie lebhafter in Erinnerung zu bringen.
Ein Anderes aber sind Untersuchungen darüber, wie es um die Begründung
der ethischen Wahrheiten steht, und was überhaupt zur wissenschaftlichen
Auffassung der Ethik gehört. Derartige Arbeiten finden sich, wie gesagt, in den
Schulblättern selten, und darum mag es doch wohlgethan sein, uns znvor ein
wenig nach ihrer Berechtigung umzusehen. Was darüber entscheidet, ist das Ver-
hältnis, in welchem die Ethik zur Pädagogik steht. Dieses Verhältnis müssen wir
daher festzustellen suchen.
Die Pädagogik ist wie die Medizin, die Politik, die Architektur u. 's. w. eine
praktische oder angewandte Wissenschaft. Dieser praktische Charakter bringt es mit
sich, daß bei jeder Wissenschaft solcher Art das benötigte Wissen nicht ausschließlich
auf dem eignen Boden wächst, sondern zum Teil aus anderen Fächern entlehnt
werden muß, die dann Hülfswissenschaften heißen. So sieht sich die Pädagogik
an die Ethik und die Psychologie gewiesen. Um das Ziel der Erziehung richtig
bestimmen zu können, bedarf sie des Beirates der Ethik, als derjenigen Wissen
schaft, welche die absoluten, die ewig gültigen Aufgaben des Menschenlebens kennen
lehrt. Und um den sicheren Weg dahin zu finden, bedarf sie des Beirates der
Psychologie, als derjenigen Wissenschaft', welche die Entwicklungsgesetze des mensch
lichen Geistes kennen lehrt. Aus dem Material, was diese beiden Hülfsquellen bei
steuern, verbunden mit dem, was die eigene Quelle, die pädagogische Erfahrung,
liefert, muß dann der pädagogische Theoretiker die Erziehungswissenschaft zu kom
ponieren suchen. Ihre Erkenntnis stammt also überwiegend, vielleicht zu zwei
Dritteilen, aus anderen Gebieten. Noch mehr; auch die pädagogische Erfahrung
(die Geschichte mit einbegriffen) ist nicht einmal eine völlig unabhängige Wissens-
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