Die allgemeine Volksschullehrerversammlung zu Erfurt. 435
Triebe zeigen sich überall, und Jahr um Jahr streben beide Bäume höher und
höher. So stünden auch die Lehrer vielfach auf dürrem Boden; aber in brüder
licher Gemeinschaft sollten sie arbeiten und alle Jahre neue Triebe zeigen und zum
Himmel emporwachsen. Der Druck irdischer Verhältnisse hinge sich zwar oft als
Bleigewicht an die Füße, so daß der Lehrer nicht immer den erhofften und er
wünschten Erfolg redlicher Arbeit erblicke, aber durch nichts dürfe er sich am Auf
streben zum Himmel hindern lassen. Dazu möchte Gott seinen Segen geben.
Die aus vollem Herzen kommenden Worte fanden freudigen Wiedcrhall in den
Herzen der Zuhörer. Ein Hoch auf den Redner fand deshalb kräftigste Unter
stützung. Von der Versammlung wurde dann noch eine Reihe von Volksliedern
gesungen, und unter herzlichen Begrüßungen und gemütlichen Unterhaltungen blieben
alte und neue Freunde und Genossen noch einige Stunden beisammen.
Am andern Morgen begann um 10 x /2 Uhr die Hauptversammlung. Während
der Vormittagsstunden hatten sich noch so viel Lehrer und Freunde der Volksschule
eingesunden, daß die Zahl der Teilnehmer aus 600 geschätzt wurde. Aus der
stattlichen Schar der Ehrengäste seien die Herren Regierungspräsident v. Brauchitsch,
Reg.-Rat Oberbürgermeister Breslau, Reg.- und Schulrat Hardt, Landrat Frei
herr von Müffling, Gymnasialdirektor Hortung, Stadtschulrat Dr. Vorbrodt,
Kreisschulinspektor Polack, die Geistlichen der Stadt und des Bezirkes Erfurt u. a. m.
Als der Saal in der am Fuße des Steigers liegenden Wirtschaft „Zur Flora" dicht
gefüllt war, wurde die Hauptversammlung mit dem Gesänge der beiden ersten
Strophen des Liedes: „O heilger Geist, kehr bei uns ein" und einem sich anreihenden
Gebete des Herrn Seminardirektors Herrmann über die vorbildliche Hirtenliebe
des Heilandes eröffnet. Der erste Punkt der Tagesordnung lautete: Ansprache
des Seminardirektors Herrmann unter Zugrundelegung der Schrift Pestalozzis
„Abendstunde eines Einsiedlers." Nachdem der Redner die Versammlung als eine
Genossenschaft begrüßt hatte, die zu gleicher Sorge und gleicher Freude berufen
sei und deren Pflege die höchsten Güter überantwortet seien, wies er darauf hin,
daß der Lehrer Vorbilder brauche, um in rechter Weise Verstand, Gemüt und
Willen des Kindes ausbilden zu können. Das mustergültigste Vorbild des Lehrers
und Erziehers sei Pestalozzi, weil in ihm die unaussprechliche Liebe zur Menschheit
überall zutage getreten sei, eine Liebe, die gleich der Liebe des Heilandes sich der
verlornen Schäflein angenommen habe. Pestalozzi stehe mit dieser seiner Liebe im
schärfsten Gegensatze zu Rousseau, der sich herzlos von den Armen und Verlassenen
abwende, zu den Philanthropen, die nur die Kinder der Reichen und Vornehmen
zu einem glücklichen Leben führen wollten. Pestalozzis Liebe zur Menschheit trete
in seinem ganzen Erdenwirken hervor und sein erstes Schriftchen: „Abendstunde
eines Einsiedlers," atme in jeder Zeile die christliche Hirtenliebe. Aus der vor
trefflichen Ansprache wollen wir die folgenden Gedanken hervorheben: Wie der
Hirt sein Schäflein kennt, so soll der Erzieher das Menschenkind, das ihm anver
traut ist, kennen und lieben. Die Liebe zu dem Pflegling mehrt sich um so mehr,
je tiefer er seinen Blick in dessen Seele eindringen läßt untt je gründlicher er das
geistige Werden und Wachsen des Kindes versteht. Zunächst muß das Kind in
intellektueller Beziehung gebildet werden. Unsere Kinder können nicht alle Wahr
heit brauchen, ihr Wissenskreis bleibt klein und enge; aber ihr Wissen muß fest
und gründlich sein. Die wahre Weisheit des Menschen ruht auf dem festen
Grunde der Kenntnis der nächsten Verhältnisse. Ohne psychologische Erkenntnis
ist aber ein richtiger Aufbau nicht möglich. Mit der intellektuellen Bildung muß
32*

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.