Über den Stand der pädagogischen Bestrebungen in Ostdeutschland. 185
Verstaudesbilduug, das Maß der Gefühls- und Willensbildung. Zur Zufrieden
heit wird man die Aufgabe erst lösen, wenn der echte Religionsunterricht entdeckt
ist. Alle Bildung muß ein Centrum, einen Halt haben, ein prineixinni et fons;
für die Volksbildung sei dieses die Religiosität, aber nicht die Religiosität, welche
nur ein Glauben als Fürwahrhalten ist, nicht diejenige, welche die Seligkeit
erst in das Jenseits setzt und in der schlechten Abstraktion von Zeitlichem und
Ewigem, Weltlichem und Geistlichem lebt; nur diejenige Religiosität, welche sich
überall im Diesseits bethätigt, in der Familie, im Gewerbe, in der Kommune,
in der Gesinnung gegen den Staat, seine Behörden und Anstalten, nur diese kann
für die Volksbildung Princip und Maß abgeben. Was man sonst noch Religion
nennt, kann heutzutage nur Privatsache und Privatbedürfnis solcher sein, die sich
mit ihrer Geburt verspätet haben; der Staat hat für seine Zwecke nichts davon
zu erwarten, wenigstens nichts Förderndes. (Schluß folgt.)
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens, Biogra
phien, Korrespondenzen, Erfahrungen aus dem Schul-
und Lehrerleben.
Über den Stand der pädagogischen Bestrebungen in Ost
deutschland, vorzüglich in der ProvmzPosen.
Von Adolf Rüde in Argenau (Posen).
II.
Das pädagogische Leben einer Gegend wird in hervorragendem Maße von den
dortigen Schullehrer-Seminarien beeinflußt. Das Seminar drückt der Arbeit des
Lehrers in der Regel, wie natürlich, den Charakter auf. Bis zur zweiten Lehrer
prüfung sieht man sich genötigt, in den Bahnen der auf dem Seminar üblichen
Anschauungen zu wandeln, und die große Mehrheit verharrt darin im allgemeinen
auch fernerhin. Es ist deshalb für unseren Zweck erforderlich, auf die Pädagogik
in unseren Seminarien einzugehen. Vorzüglich soll im nachfolgenden die Stellung
zu der Herbartschen Pädagogik und Psychologie beleuchtet werden. In den evang.
Seminarien des Ostens sind dem pädagogischen Unterrichte die Evangelische Schul
kunde von Schütze* *) oder die Grundzüge von Kahle**) zu Grunde gelegt.
Schütze handelt über Herbarts Lehre an zwei Orten ab. In dem dritten
Anhange zur Psychologie spricht er „Über Wesen und Leben der Seele nach Her
bart." Zunächst citiert er das Wort Pfisterers, daß es an einer allgemein an-
Rechnen und Messen fehlen nicht. Mit der Natur- und Erdkunde setze man das Tech
nologische^ Ökonomische, Diätetische in Verbindung, mit der Seelenlehre die Sittenlehre,
den politischen Katechismus, die Geschichte und die Religion, und zwar so, daß alles
dieses als Teil der Religionslehre erscheint. Neben Gesang, Zeichnen und Schönschreiben
sollte man dann, besonders in Städten, die Leibesübungen nicht versäumen.
*) Or. Fr. W. Schütze, Evangelische Schulkunde. Praktische Erziehungs- und Unter
richtslehre für Seminare und Volksschullehrer. 6. Ausl. Leipzig bei Teubner. 1884.
**) F. Hermann Kahle, Grundzüge der evangelischen Volksschulerziehung. Für
Seminaristen und Lehrer. 3. Aufl. Breslau bei Dülfer. 1878.

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