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I. Abteilung. Abhandlungen.
sich einzuarbeiten versuchen muß. Wenn wir darum auch voraussetzen dürfe», daß
das Kind ohne unser Zuthun die geometrischen Körper und Flächen oft geschaut
hat, so beginnen wir doch diesen Unterricht mit einem geometrischen Anschauungs
kursus, dankbar benutzend und gebührend ergänzend, was das Kind an Anschau
ungen mitbringt. Dazu beginnen wir auch diesen Unterricht nicht eher, als wir
das Kind zu den notwendigen Abstraktionen und Begriffsbildungen befähigt halten
dürfen, etwa mit dem 10. Jahre.
Ähnlich sollte es im Religionsunterricht sein. Je weniger wir an religiösen
Vorstellungen und Gefühlen voraussetzen dürfen, umsomehr müssen wir darauf
bedacht sein, unsern Schülern durch die Gestaltung des Schullebens, namentlich
der Schulandacht, durch Verwertung der das Gemüt bewegenden frohen und
traurigen Ereignisse im Leben der Kinder religiöses Leben zur Anschauung zu
bringen.
Da für die Kinder, wenn sie aus dem Elternhause in die Schule treten,
die verwickelten Verhältnisse des Lebens noch nicht da sind, so sollten auch im
Religionsunterricht nur solche Stoffe behandelt werden, die keiner Zeit angehören,
in denen das Sittlich-Religiöse ohne alle Verflechtung mit eigenartigen gesellschaft
lichen, staatlichen oder andern Verhältnissen sich findet und doch auf dem Grunde
der christlichen Weltanschauung ruht. Diese Stoffe finden wir in der echten Kinder
dichtung, deren Charakterzug es ist, daß sie das Menschliche in reinster und ein
fachster Form, ohne alle Verflechtung, darstellt. Wohl redet auch diese Dichtung
von Königen, aber ihr Reich ist nicht auf der Karte zu suchen und zum Verständ
nis ihres Regiments sind keine politischen, kulturgeschichtlichen und andere Ver
hältnisse zu berücksichtigen; es sind Menschen, die sich vom Vater des Kindes
nur dadurch unterscheiden, daß sie an Macht und Reichtum über alle hervorrageu.
Daß die Kinder auch unterrichtlich etwas über die christlichen Feste erfahren
und mit den der Schulandacht zugrunde liegenden Heilsthatsachen von vornherein
bekannt gemacht werden, versieht sich von selbst. In betreff der meisten der in
den beiden ersten Schuljahren zur Behandlung kommenden biblischen Geschichten
würde ich es zweckmäßiger finden, wenn sie erst später behandelt würden. Mit
dem Eintritt in die Schule erweitert sich der Lebenskreis des Kindes um ein be
deutendes. Erst wenn das Kind durch eine Umschau in demselben und durch den
darauf sich stützenden Unterricht Interesse und ein erstes Verständnis für die
verwickelten Lebensverhältnisse gewonnen hat, können diese, ohne Verwirrung anzu
richten, auch im Religionsunterricht vorkommen. Treten sie früher auf, so dienen
sie nur zur Verdunkelung.
Ich will nicht sagen, daß es dem geschickten Lehrer unmöglich sei, schon aus
der Unterstufe auch die biblische Geschichte trotz ihrer verwickelten Verhältnisse so
zu behandeln, daß dabei das religiöse Moment fast ungetrübt zur Geltung kommt.
Aber einmal ist es dann die Geschichte nicht mehr, zum andern ist es fraglich,

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