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Verein für Herbartsche Pädagogik im Rheinlande.
Der Verein hielt seine diesjährige Sommersitzung am 27. Juli im großen
Saale des „Deutschen Kaisers" zu Elberfeld ab. Es waren 85 Teilnehmer er
schienen. Zur Besprechung kam das Thema: „GetvifftN Und Gelvissens-
bildUNg;" den Verhandlungen lag zu Grunde die von Dr. Wo hl rabe in
Halle veröffentlichte gleichnamige Schrift über jenen Gegenstand.
I. Referat.
Der Vortragende, Herr Heinecke (Essen), erklärte einleitend, daß er auf
den ersten Teil der Schrift, welcher eine historische Entwicklung des Ge
wissensbegriffs enthalte, nicht eingehen wolle, obwohl dieser Teil sehr lehr
reich und interessant sei. Derselbe werde seinen Zweck, auf die Hauptfragen
vorzubereiten, wohl erfüllt haben. Zweckmäßig erschien es, mit dem Mittel
punkt und wichtigsten Teil des Buches, welcher die Auffassung des Gewissens
innerhalb der herbartschen Pilosophie enthalte, zu beginnen. Der Verfasser sage
darüber: „Die Lehre vom Gewissen hat in Herbarts System keine Stelle ge
funden und in keiner der drei Wissenschaften, denen sie angehört (Psychologie, Ethik,
Pädagogik) eine specielle Bearbeitung erfahren. Die Herbartsche Philosophie
kann das Gewissen nicht zu einem selbständigen Faktor in der Seele des Men
schen, nicht zu einem angeborenen Vermögen der sittlichen Beurteilung machen,
sondern dieses angebliche Vermögen fällt in den Umfang dessen hinein, was eine
Analyse der Begriffe „„sittliche Einsicht, praktische Grundsätze oder Normen und
Maximen, praktische Beurteilung und subjektiver Charakter"" ergiebt." Dieser
Auffassung müsse man im allgemeinen beitreten; indes möge man daraus nicht
den Schluß ziehen, daß die Herbartsche Schule den Gewissensbegriff aufgeben
oder abweisen müsse; vielmehr müsse der praktische Erzieher denselben mit dem
Inhalte zu erfüllen suchen, der ihm vom Herbartschen Standpunkte aus zugewiesen
werden kann und muß. Worin dieser Inhalt besteht, sucht nun der Vortragende
wie folgt zu entwickeln.
Die Betrachtung und Auffassung gewisser Willensverhältnisse und deren Be
urteilung bildet die Grundlage der Herbartschen Ethik. Die Beurteilung erfolgt
zunächst in Form von Gefühlen des absoluten Beifalls oder Mißfallens, welche
den Charakter von Urteilen an sich tragen, ohne daß denselben eine verstandes
gemäße Prüfung vorangegangen wäre. Die Gefühlsurteile prägen sich nebst den
Willensverhältnissen, durch welche sie hervorgerufen wurden, ein; es bleibt ein
Bild von ihnen in der Seele zurück, welches ins Bewußtsein tritt, wenn der
Mensch in die Lage kommt, in der sein eigenes Wollen Glied eines ethischen
Willensverhältnisses wird. Alsdann macht sich im Menschen wiederum ein ähn
liches Gefühlsurteil geltend; jedoch besteht jetzt der Unterschied, daß der Mensch
nicht, wie früher, unbeteiligter Zuschauer und Beobachter des Willensverhältnisses,
sondern persönlich an demselben beteiligt ist. Er fühlt nun in sich den Antrieb,
sein Wollen so zu gestalten, daß ein wohlgefälliges Willensverhältnis entsteht;
falls aber sein Wollen dem widerstrebt, geht aus dem Gefühlsurteil ein Wider
stand gegen das Wollen hervor, der dasselbe hindert, zur That zu werden. Diese
positiven und negativen Gefühlsweisungen für das eigene Wollen, welches im Be
griff ist, in ein sittliches Willensverhältnis einzutreten, sind der Inbegriff des
Gewissens, welches auf Grund seiner rein psychischen Beschaffenheit und seiner
rein psychischen Vorbedingungen das „psychische Gewissen" genannt wer-

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