Verein für Herbartische Pädagogik in Rheinland und Westfalen. 349
einzigen Einfachen ableitet, auch das Gebiet des Seins mit dem des Sollens
vermischt, ja gleichsetzt, so könnte man von hier ans zur Ethik übergehen, wo es
not thäte, die Angriffe der Männer abzuwehren, die den Menschen anch in
ethischer Beziehung zum Maß aller Dinge machen möchten, Männer, zu denen
sogar Träger hochgeachteter Namen gehören, ein Herbert Spencer, ein Wundt,
auch Häckel, der die Anfänge ethischer Entwicklung selbst auf der niedrigsten
Stufe der Lebewesen gefunden haben will, Anfänge, die dem Ideal der beseelten
Gesellschaft ziemlich gleichkommen. Hier wäre auch ein Wort zu reden über die
Modephilosophie unserer Zeit, den Pessimismus, der, in geistreicher Form von
Meistern der Sprache vorgetragen, unter wirksamer Beihilfe der Widerwärtigkeiten
des Lebens, immer weitere Kreise ergreift und auch schon in die Pädagogik ein
zudringen sucht, wo er hoffentlich an der erhabenen und unbestechlichen Jdeenlehre
Herbarts, oder, was im wesentlichen dasselbe ist, an der Ethik des Christentums
einen festen Widerstand finden wird.
Es wäre weiterhin sehr notwendig zu reden von der Religionsphilosophie
unserer Tage, wo Front gemacht werden müßte sowohl gegen diejenigen, die in
guter Absicht, aber zum Schaden der Kirche und der Religiosität alle philo
sophische Gedankenarbeit vom religiösen Gebiete fern halten wollen, wie auch
gegen diejenigen, die wie Bender nur die subjektive Seite der Religion kennen,
alles Objektive aber leugnen und die Religionslehre in der angewandten Psycho
logie vollständig aufgehen lasten, also von einer Offenbarung gar nichts wissen wollen.
Am nächste» liegt für uns freilich die Pädagogik und die ihr neben der
Ethik und der Rcligionslehre zu Grunde liegende Psychologie, welch letztere
ebenfalls von mancher Seite bereits tot gesagt wird. Von ihr mag daher etwas
ausführlicher die Rede sein, so weit es die Zeit gestattet, die mir zur Ver
fügung steht.
Es giebt gegenwärtig eine Richtung in der Psychologie, welche glaubt, über
alles früher Geleistete weit hinausgeschritten zu sein, welche den durch sie unleug
bar bewirkten Fortschritt geradezu als einen ungeheuern bezeichnet. Es ist dies
die experimentelle Schule, oder, wie sie sich auch nennt, die physiologische.
Zunächst möchte ich über die Nebeneinanderstellung dieser Begriffe bemerken,
daß sie unstatthaft ist. Vielmehr ist der Begriff „experimentelle Psychologie" als
der weitere, der Begriff „physiologische Psychologie" als der engere aufzufassen.
Die physiologische Methode ist immer experimentell, die experimentelle aber nicht
immer physiologisch.
Die physiologische Psychologie, um die es sich bei der übertriebenen Wert
schätzung ganz besonders handelt, ist in Deutschland hauptsächlich durch Wundt,
neuerdings auch durch Münsterberg vertreten; in England ist eine besondere
Richtung dieser Psychologie unter dem Namen Associatiouspsychologie bekannt,
die sich unter andern an die Namen Herbert Spencer und Mandsley knüpft,
während ihr in Frankreich besonders Ribot, in Dänemark der auch als Ethiker be
kannte Harald Höffdiug, in Nordamerika Stanley Hall, ein Schüler
Wundts, nahesteht.
Die Vertreter dieser physiologischen Psychologie reden mit Vorliebe von einer
alten Psychologie im Gegensatz zur ihrigen, der neuen, und sie stellen sich so,
als ob auch die Herbartische Psychologie ein überwundener Standpunkt sei. In
dem Buche eines Amerikaners Carus, betitelt The Soul of Man, wird das
Verhältnis der neuen Psychologie zur alten mit demjenigen der neuen Chemie zur

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