XII. Hauptversammlung des Vereins für Herbartsche Pädagogik. 69
Umsturzes, deren rasches Anschwellen manchen' befürchten lasse, daß sie schon nach
einigen Jahrzehnten so stark sei, daß ihr kein Widerstand mehr entgegengesetzt
werden könne. Darum gelte es, ehe es zu spät sei, die im Volke vorhandenen
sittlichen Kräfte zu wecken, zu stärken, zu sammeln, zu organisieren und den Schul
zwecken dienstbar zu machen. Die durch den Kaiser angeregte Schulreform er
scheine nach dem Gange der seitherigen Verhandlungen leider noch wenig geeignet,
die an sie geknüpften Hoffnungen zu erfüllen, da die Bedeutung der organisierten
freien Schulgemeinde völlig verkannt werde.
Während d'er Sitzung am Vormittage kam die in pädagogischen Kreisen viel
besprochene Dörpfeldsche Schrift: „Die Gesellschaftskunde, eine notwendige
Ergänzung des Geschichtsunterrichts" (Gütersloh, Bertelsmann),*) die be
kanntlich das Begleitwort zu dem von demselben Verfasser herausgegebenen „Re
petitorium der Gesellschaftskunde" bildet, zur Besprechung. Herr Th.
Foltz (Elberfeld) gab in einem einleitenden Vortrage die Hauptgedanken dieser
Abhandlung wieder. Da letztere vor noch nicht langer Zeit ebenfalls im Evang.
Schulblatte zum Abdruck gekommen ist, erscheint ein näheres Eingehen auf den
Inhalt derselben an dieser Stelle unnötig. Die von dem Vortragenden aufgestellten
Leitsätze lauteten wie folgt:
1. Der Gegenstand des Geschichtsunterrichts ist der Mensch und das Menschen
leben. Der Bildungsgehalt dieses Lehrgegenstandes liegt in den 5 Kulturpotenzen des
Menschenlebens: dem Ethischen, Psychologischen, Ethnographischen, den 6 Klassen
der Arbeiten und den menschlichen Gesellschaften. Seine Aufgabe ist Kenntnis und
Verständnis dieser 5 Kulturmächte, damit der Schüler im gegenwärtigen Menschen
leben sich so weit zurecht finde, um dereinst zum gemeinen Besten mitthätig sein
zu können und zu wollen.
2. Soll dieser Zweck erreicht werden, so ist die Kunde von dem Menschen
leben der Gegenwart tGesellschaftskunde) nicht zu entbehren. Diese umfaßt 5
Abschnitte: 1. Von der menschlichen Seele. 2. Ethnographisches. 3. Die mensch
liche Arbeit. 4. Die menschlichen Gesellschaften. 5. Die politische Geographie.
(Die im Geschichtsunterricht herausgehobenen ethisch-religiösen Elemente werden
behufs der weiteren begrifflichen Bearbeitung dem Religionsunterricht überwiesen.)
Die Gesellschaftskunde muß sich streng auf dem Boden der Thatsachen halten und
darf nicht ins Theoretische hinübergreifen.
3. Die Gesellschaftskunde bietet der Selbstthätigkeit des Schülers den weitesten
Spielraum, kann auch in den einfachsten Schnlverhältnissen mit Erfolg betrieben
werden; sie giebt der Vaterlandsliebe einen sichern Grund und kann an ihrem
Teil mit dazu beitragen, die von der Sozialdemokratie drohende Gefahr zu be
kämpfen. Sie dient auch dem Religionsunterricht in der Anwendung der Sitten
lehre auf das soziale Leben.
4. Der geschichtliche Anschauungsstoff liefert den Ausgangspunkt für die ge-
sellschaftskundlichen Lektionen, welche etwa alle 4—6 Wochen den Geschichtsunter
richt unterbrechen. In diesen gesellschaftskundlichen Lehrstunden bietet das Menschen
leben der Gegenwart den eigentlichen Anschauungsstoff, welcher nach den formalen
Stufen: „Anschauen, Denken, Anwenden" zu behandeln ist. Unter diesen ist die
Anwendungsübung die fruchtbarste.
In der sich an das Referat anschließenden lebhaften Besprechung wurde
*) Die Schrift ist soeben in zweiter Auflage erschienen.

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