Mai 1892.
I. Abteilung. Abhandlungen.
Allerlei über Dörpfelds Gesellschaftskunde.
Zu den neuen Gedanken, welche unser Freund Dörpfeld in die Elementar
pädagogik gebracht hat — ein Poet würde sie neue Sterne am pädagogischen
Himmel nennen — rechnen wir gewiß den Gedanken einer planmäßigen Be
schäftigung mit dem Getriebe der heutigen Gesellschaft. Er will sie freilich nur
als Ergänzung des Geschichtsunterrichts angesehen wissen. Das mag zweckmäßig
sein, aber ich kann persönlich nicht darüber urteilen, weil ich nicht genau weiß,
wie heute der Geschichtsunterricht in der Schule betrieben wird, auch nicht, wie
die Seminarien gegenwärtig ihre angehenden Lehrer für den Geschichtsunterricht
ausrüsten. Zu meiner Zeit wäre es gewiß dem Seminarlehrer spaßhaft vor
gekommen, zu glauben, sein Geschichtsunterricht solle uns befähigen, selbst später
Geschichte zu lehren. Er wollte uns nur selbst ein wenig aus der naiven Roheit
ungeschichtlicher Beurteilung herausziehen. Dies wird jetzt anders geworden sein,
aber ich habe keine Anschauung davon. Zudem verwirrt mich noch mehr, daß
Dörpfeld mehrfach von Kulturgeschichte spricht, die also doch in der Elementar
schule jetzt vorkommen muß. Das ist denn sehr erfreulich. Mögen die Gelehrten
wie Schäfer und Gothein sich noch jetzt darum Mühe geben, das Dasein der
Kulturgeschichte außerhalb der politischen Geschichte zu bestreiten und zu verteidigen.
Das sind mehr methodische Feinheiten. Gewiß ist, daß die kulturlichen Elemente
die Würze der Geschichte sind. Wohl haben die Jungen mehr Interesse für die
Heldenthaten der Soldaten, als für die Ansiedlung von 500 000 Menschen auf
einem früheren Sumpfboden, aber sie sollen eben auch für anderes Interesse be
kommen und eben darum muß man ihnen die Grundlagen für ein besseres Ur
teil geben.
Wäre aber auch die Geschichte kein Lehrgegenstaud der Elementarschule und
beschränkte sich diese Schule in früherer Weise auf die Stücke historischen Ge
präges in dem Lesebuch und die biblische Geschichte, die ja vieles umfaßt und
vieles ersetzt, so wäre doch die von Dörpfeld empfohlene Gesellschaftskunde ein
dankenswerter und notwendiger Lehrgegenstand. Ich habe das schon in einem
Saarbrücker Programm von 1882 für das Gymnasium zu zeigen versucht. Für
die Elementarschule urteile ich nicht viel anders. Es ist zwar nicht mehr wie
früher, daß man in der Volksschule einen krankhaften Wert auf das gedächtnis-
14

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.