10 I. Abteilung. Abhandlungen.
des in ihnen am vollkräftigsten pulsierenden religiösen Lebens willen berufen, das
religiöse Leben aller nachfolgenden Geschlechter anzuregen und anzuführen dadurch,
daß diese „in den Sinn und die Gesinnung der heiligen Schriftsteller eingeführt"
werden (II, S. 86), so tritt hier nun die angedeutete zweite Bedeutung der
selben zu Tage, daß sie original von den großen Thaten Gottes
gezeugt haben, also uns maßgebende Führer für das Erkennen und Verstehen
dieser göttlichen Heilsthaten werden müssen. Sie haben ja nicht wie Chronisten
die Heilsthaten als mehr oder minder bedeutsame Ereignisse beschrieben, haben
nicht als Historiker und Biographen sie objektiv und diplomatisch festgestellt, son
dern haben von ihnen gezeugt, um durch dies Zeugnis christliches Leben zu
erzeugen Luk. 1, 4. Joh. 20, 30 f. Und sie haben nicht nur davon gezeugt,
was da unter ihnen geschehen ist, wie „Gott hat besucht und erlöst «sein Volk,"
sondern sie haben uns diese Geschehnisse zugleich gedeutet. Die „Lehre" der
Propheten und Apostel ist die Deutung der heiligen Geschichte (vgl. mein
„Wort zur Katechismusfrage" 2. Aust. S. 11 f.). Wir haben es da nicht, wie
Dörpfeld in dem unten mitzuteilenden Stück darlegt, mit einer streng begrenzten,
in sich geschlossenen Theorie, nicht mit einem planmäßig durchgeführten Gedanken
gefüge, einem ,Lehrsystenst zu thun, sondern mit den auf bestimmte Anlässe sich
beziehenden Herzensergießungen der geisterfüllten Zeugen, die in mehr oder weniger
zusammenhängender Weise von ihrem Glauben Rechenschaft ablegen, wie sich die
großen Thaten Gottes in ihrem Gemütsleben spiegeln und wie sie diese Gottes
offenbarungen und ewigen Wahrheiten und ihre darauf bezüglichen inneren Er
lebnisse in verständliche Worte für sich und andere zu fassen suchen. Es ist ein
Ringen darum, das Unsagbare, Göttliche auszusprechen; und jeder muß es in
seiner Weise und Mundart thun. Was wären uns z. B. die Psalmen, wenn
wir sie nicht als die Rede leibhaftiger Personen verstehen und zu Herzen nehmen
könnten, als die Gebete aus den bedrängten, zerschlagenen, nach Gott schreienden
und wieder von Gottes Gnade erquickten, belebten Gemüter, wenn es also nicht
gerade das Individuelle, Subjektive an diesen Wahrheitszeugnissen es uns an
thäte? Die göttliche Wahrheit , ist also nicht vom Himmel her als fertig geprägte
Goldmünze uns gegeben; sie kann nur annäherungsweise von uns aufgefaßt
und abgebildet werden in inadäquaten Worten. „Wer einen Einblick in das hat,
was Wahrheit ist im biblischen, d. i. im himmlischen Sinne, weiß auch, daß,sich
keine dieser Wahrheiten so einfach aussprechen läßt, daß man sie so leichthin mit
Frage und Antwort abmachen kann. Je tiefer eine Wahrheit liegt, desto weniger
ist die Menschensprache fähig, sie geradehin auszusprechen, und daher ist die
Sprache Christi, seiner Apostel und Propheten besonders da, wo sie Hohes und
Tiefes offenbaren will, vorwiegend Bild, eine in Wörter gefaßte Sym
bolik, oder noch anders zu sagen: sie giebt Zeichnungen von Dingen,
die der Herr auf die Erde niederbringen will. Vor diese Zeichnungen stellt sich

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