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I. Abteilung. Abhandlungen.
Kindheit und Jugend lieb wird. Diese Kinder, welche in der Schule zu einem
Bewußtsein ihres geistigen Lebens erwachen sollen, bedürfen, damit sie dies
können, stets besonders eingehender Bemühungen des Lehrers, welche ihnen in der
überfüllten Schule nicht zu teil werden können. In dieser bleibt erfahrungs
mäßig eine Anzahl Kinder von Jahr zu Jahr hinter den andern zurück, bis sie
arm an Kenntnissen und Fertigkeilen, ungeschickt fürs Leben, geistig stumpf oder
innerlich unbefriedigt, die Schule verlassen." In ähnlichem Sinne spricht sich
das Centralblatt für die preußische Unterrichtsverwaltung aus: 1 ) Die Unterrichts
verwaltung hat sich gegenwärtig zu halten, daß für Kirche, Staat und Gesell
schaft kaum eine größere Gefahr gedacht werden könne, als das Heranwachsen
einer unerzogenen, in religiösen Dingen unwissenden und für künftigen Erwerb
unfähigen Jugend. „Wenn nun alle mit dem Unterrichtswesen vertrauten
Männer übereinstimmend anerkennen, daß der Unterricht seine ganze erziehliche
Kraft einbüße, wenn einem Lehrer eine größere Schülerzahl zugewiesen wird, als
er gleichzeitig zu beschäftigen und in Ordnung zu halten vermag, — — — so
muß die Unierrichtsverwaltung die Teilung dieser Klassen als ihre Pflicht er
kennen. — — — Jedenfalls muß ausgesprochen werden: Ist es in den
letzten Jahren gelungen, den Lehrermangel zu überwinden, so
ist es Aufgabe des nächsten Jahrzehnts, den Mangel an Schul
klassen zu beseitigen."^)
Inwiefern diese Vorsätze zur Ausführung gekommen sind, zeigen die
statistischen Angaben unseres ersten Teiles. Zwar haben sich die überfüllten
Schulklassen vermindert, aber die Zahl der Halbtags- und Zweidrittelschulen hat
um rund 100 Prozent zugenommen. Das würde vielleicht nicht in diesem Um
fange geschehen sein, wenn man sich in maßgebenden Kreisen darüber klar gewesen
wäre, daß bei diesen Schuleinrichtungen ein kleiner Vorteil einer großen Menge
von Nachteilen gegenübersteht, die von jenem Vorteil nicht im entferntesten aus
gewogen werden. In der geteilten Klasse hat der Lehrer besseren Überblick über
die Kinder; es wird ihm daher die Handhabung der Schuldisciplin erleichtert.
Das ist alles! Die Zahl der Schülerindividualitäten, die studiert
und beeinflußt werden sollen, bleibt dieselbe und damit auch die
von der Kenntnis derselben abhängige, erziehliche Wirkung des Unterrichts. Nur
dann also, wenn man jene oberflächliche Ansicht vom Wesen des erziehenden
Unterrichts hat, von der wir oben sprachen, kann man von einem wesentlichen
Vorteil der Halbtagsschule in erziehlicher Hinsicht reden. Denn die aus der
äußeren Schulordnung entspringenden mittelbaren Tugenden sind nur Förderungs
mittel der wahren Tugend, nicht diese selbst. Die erziehende Wirkung des Unter
0 Jahrgang 1882, S. 222 f.
*) Vom Centralblatt selbst durch Druck ausgezeichnet.

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