Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc. 101
richts wird vielmehr beeinträchtigt durch Vermehrung der Unterrichtszeit für den
Lehrer und durch Verminderung derselben für die Schüler. Jene hat zur Folge,
daß die Zeit des Lehrers, die er für seine Fortbildung in psychologisch
pädagogischer Hinsicht, für seine Präparationen auf den Unterricht, für den Ver
kehr mit dem Elternhause und für das Studium der Individualitäten so dringend
nötig hat, beschränkt wird. Zugleich nimmt die angestrengte Arbeit mit immer
frischen Kindern seine Kraft so sehr hinweg, daß er für Arbeiten außerhalb der
Schulzeit wenig mehr übrig behält. Schlimmer noch wirkt die beschränkte
Unterrichtszeit auf die Kinder. Überall fehlt dem Unterrichte Ruhe und Muße
zu gründlicher Arbeit. Wichtige Fächer wie Geschichte, Erdkunde, Naturkunde
und Zeichnen werden entweder vernachlässigt oder gar nicht getrieben. Die
Durchsicht der Schularbeiten beschränkt, wenn sie gründlich geschieht, die Unterrichts
zeit, oder gewöhnt, wenn sie oberstächlich und schnell besorgt wird, an liederliches
Arbeiten, was um so leichter eintritt, als es an Zeit zu genauer Durchnahme
der häuslichen Arbeiten fehlt. Die Kinder der einen Klasse treiben sich, während
die andre Unterricht empfängt, auf der Straße umher und verüben Unfug, ohne
eine Entdeckung seitens des Lehrers fürchten zu müssen. Am schlimmsten ist
immer die Unterklasse daran. Sie hat in der Regel die meisten und schwächsten
Schüler, die wenigsten Unterrichtsstunden, die für geistige Arbeit weniger ge
eignete Nachmittagszeit und den vom Unterrichte der Oberklasse ermatteten Lehrer.
Endlich ist an eine Ergänzung des Schulunterrichts durch Schulspaziergänge, Ar
beiten im Schulgarten, Turn- und Jugendspiele rc. nicht zu denken, weil der
Lehrer dazu keine Zeit hat. Was will gegen diese schädlichen Folgen die kleine
Erleichterung der Schuldisciplin besagen! Gestützt aus die angegebenen
Gründe behaupten wir, daß bei gleicher Schülerzahl eine un
geteilte einklassige Schule mehr leisten kann als eineHalbtags-
schule. Denn dort arbeiten die Schüler unter Aufsicht des Lehrers, haben mehr
Unterrichtsstunden und es können außerdem die größeren Schüler zu Helfern für
die Kleinen herangebildet werden. Alles das fällt in der zweiklassigen Schule
mit einem Lehrer fort. Vom pädagogischen Standpunkte aus müßte deshalb
ihre Beseitigung gefordert werden. Allein sie bietet noch einen, für Schul
verwaltung und Gemeinden unschätzbaren Vorteil. Sie macht es möglich, einem
Lehrer die Arbeit zweier Lehrer aufzubürden und dadurch das Geld für den
Bau einer zweiten Klasse und das Gehalt für einen zweiten Lehrer zu sparen.
Dieser Umstand, der es zugleich möglich macht, die Überfüllung der Schulklassen
äußerlich zu beseitigen und normale Frequenzverhältnisse wenigstens auf dem
Papiere herzustellen, wird der Halbtagsschule und ihr verwandten Schul
einrichtungen leider wohl ein hohes Alter verschaffen. Denn so hoffnungsvoll
der Artikel des Centralblattes schloß, er redete doch nur von der Einrichtung
neuer Klassen, aber nicht von der Anstellung neuer Lehrer, und das letzte Jahr

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