102 I. Abteilung. Abhandlungen.
zehnt hat leider mehr der pessimistischen als der optimistischen Auffassung jenes
Artikels recht gegeben.
Die mangelhafte geistige und religiös-sittliche Bildung der Kinder der mitt
leren und unteren Volksklassen aber ist ein wichtiges Glied in der Kette unserer
socialen Übelstände. Wo solche sich zeigen, da ist überall ein Defekt erkennbar,
der durch Erziehung und Unterricht mit verschuldet wurde. Derselbe zeigt sich
zunächst in der Familie. Unwissenheit, Irreligiosität und mangelnde Sittlichkeit
machen es dem Vater unmöglich, ein Ernährer, Regierer, Priester und Lehrer
der Seinen zu sein und hindern die Mutter, ihm darin eine Gehilfin zu werden.
Da sich nun aus den Familien einerseits die politischen Gemeinden und der
Staat, andrerseits die kirchlichen Gemeinden und die Kirche zusammensetzen, so
muß das, was sich verborgen im Schoße der Familien vollzieht, bei den größeren
Gemeinschaften deutlicher zu tage treten, weil sich hier die in den Anfängen un
scheinbareren Einzelwirkungen zu einer Gesamtwirkung vereinigen. In der That
zeigt die fortschreitende Verarmung der Massen, die Roheit der heranwachsenden
Jugend, die Zunahme des Verbrechertums, besonders bei den Minderjährigen,
die religiöse Gleichgiltigkeit und das furchtbare Anwachsen der socialen Revo
lutionspartei, daß unsere Familien in ihrer Mehrzahl den genannten Pflichten
nicht genügen können. So thöricht es wäre, die Schule allein für diese Zu
stände verantwortlich zu machen, so verkehrt würde es sein, ihre wenn auch un
freiwillige Mitschuld leugnen zu wollen. Versuchen wir es, die letztere nach
zuweisen.
Die zunehmende Verarmung der Maffen, das damit im Verhältnis stehende
Verschwinden des Mittelstandes und die Konzentration des Besitzes in immer
weniger Händen ist zwar zunächst eine Folge des Kapitalismus und Industrialis
mus, dessen Wirkungen noch verschärft werden durch den Umstand, daß die be
sitzenden Klassen ihre Pflichten gegen das besitzlose Volk nicht oder nur un
genügend erfüllen. Aber auch die mittleren und unteren Stände sind nicht ohne
Schuld. Auch der Mittelstand besitzt sehr oft nicht die geistigen * und sittlichen
Qualitäten, die der immer schwerer werdende Kampf ums Dasein fordert. Man
prüfe doch nur die einzelnen Fälle, wo ein Besitzer ins Proletariat herabgesunken
ist. Da verstand der eine sein Geschäft nicht, ein andrer war nicht sparsam
genug, ein dritter konnte nicht rechnen, ein vierter war zu leichtgläubig und gut
mütig, einen fünften wieder stürzte die' Begier, den Konkurrenten um jeden
Preis zu ruinieren, ins Verderben. Jener war mehr im Wirtshaus als in der
Werkstatt, und dieser hatte bei der Wahl der Frau mehr nach Geld oder Schön
heit, als nach Fleiß und Tüchtigkeit gefragt. Alle diese Beispiele weisen auf
Mängel der geistigen und sittlichen Bildung hin. In ersterer Beziehung fehlte
es an Umsicht und Besonnenheit, an jenem kühlen verstandesmäßigen Erwägen
der ein Unternehmen fördernden oder hemmenden Umstände, das besonders die

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