Die llberfüllung der Schulklassen in Preußen rc. 103
Frucht eines guten Rechenunterrichts ist. In letzterer Hinsicht hatte der Unter
richt nicht vermocht, durch Erzeugung eines lebhaften und vielseitigen Interesses
ein Schutzmittel gegen die im Gemüt wuchernden Begierden zu schaffen. Während
es nun dem mittleren und kleinen Besitzer unendlich leicht gemacht ist, ins Pro
letariat hinabzusinken, ist es umgekehrt überaus schwer, sich daraus wieder zu er
heben. Der kaum für die notwendigsten Lebensbedürfnisse ausreichende Lohn läßt
Sparsamkeit als aussichtslos erscheinen, die Arbeit für einen fremden Besitzer
raubt dem Fleiße seinen Sporn, die notwendig werdende Mitarbeit von Frau
und Kindern untergräbt häusliche Ordnung und Erziehung. Durch letzteres
wird schon bei der Jugend einem späteren Emporsteigen entgegen gewirkt. Dazu
tritt noch die Wirkung des Unterrichts in überfüllten Schulklassen oder bei mit
Schülern überbürdeten Lehrern. Diesen ist es zunächst unmöglich, alles nachzu
holen, was die Familie versäumt hat, nämlich das vorstellungs- und spracharme
Kind soweit zu fördern, daß es dem Unterrichte mit Verständnis folgt. Es ist
ferner schwer, den Unterricht lebensvoll, gründlich und praktisch zu gestalten.
Dazu gehört gründliche Vorbereitung, zu der dem Lehrer die Zeit fehlt. Weiter
ist es kaum möglich, den häuslichen Fleiß zu beleben, da die Zeit zu gründlicher
Durchsicht der Arbeiten fehlt. Durch sorgfältige Berücksichtigung der Indivi
dualität den Kern des kindlichen Gemütes und damit sein Wollen und Handeln
zu treffen, oder gar durch Veranstaltungen der Zucht, wie Schulsparkassen,
Schulgärten rc. aufs Handeln selbst einzuwirken, muß sich der Lehrer ebenfalls
versagen, weil Zeit und Kraft dazu fehlen. Was Wunder, wenn die nur in
äußerlichen Fertigkeiten geübten und mit einigen dürftigen Wissensnotizen aus
gestatteten Proletarierkinder, geistig stumpf, praktisch unbeholfen, sittlich roh und
religiös gleichgültig, keine Kraft besitzen, sich aus dem Proletariat zu erheben, an
das sie mit zahllosen Banden geknüpft sind.
Die zunehmende Roheit und Zuchtlosigkeit unserer der Schule entwachsenden
Jugend hat neben mangelnder häuslicher Erziehung und neben andern Umständen
ihren Grund darin, daß einmal die Schule durch mangelnde Pflege gehindert
wird, ein vielseitiges Interesse für Religion und Geschichte, für unsere Dichter
und Volksschriftsteller, sowie für die Natur und ihre Wunder der Jugend einzu
flößen, und daß es ferner in der kirchlichen wie in der Schulgemeinde an Ver
anstaltungen fehlt, die Jugend auch nach der Konfirmation zu bewahren und zu
leiten. Solche Veranstaltungen, wie Jünglings- oder Jungfrauenvereine, frei
willig besuchte Fortbildungsschulen, Lesekränzchen oder wie sie heißen mögen, wären
um so nötiger, je unreifer die entlassenen Schüler und Schülerinnen sind. Leider
aber heißt es nach der Konfirmation gewöhnlich: „Das Gute räumt den Platz
dem Bösen." Gleich einer unbequemen Last wirft man das in der Schule mühsam
angelernte Wissen fort, da es an der geistigen Kraft fehlt, um es festzuhalten,
und da es dem Wissen selbst an Ordnung, Tiefe und Zusammenhang fehlt.

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