Die Überfüllung Der Schulklassen in Preußen k. 105
Der Protestantismus proklamiert die religiöse Mündigkeit und Freiheit des
Christen, fordert ihn zu eigenem Forschen in der heiligen Schrift und zum selb
ständigen Denken in religiösen Fragen auf. Er lehrt, daß jeder evangelische
Christ ein Priester sei, der nur Gott allein über sein Glaubensleben Rechen
schaft schuldig sei. Die protestantische Kirche verzichtet darauf, mit dem blen
denden Ceremoniell des Gottesdienstes die Sinnlichkeit gefangen zu nehmen und
das Gemüt mit den Schrecken des Fegefeuers zu ängstigen. Prunklos und
schlicht, wirkt sie vor allem durch die rein geistige Macht religiöser Ideen. Des
halb muß sie untergehen, wenn ihren Gliedern jenes religiöse
Interesse fehlt, aus das sie bei ihren Einrichtungen und Maßnahmen
rechnet. Dieses Interesse aber wird nicht bloß durch die Familie und durch das
kirchliche Gemeindeleben, sondern vor allen Dingen durch die evangelische Er
ziehungsschule erzeugt. Dieselbe ist nun in der Erreichung ihres höchsten Zieles,
das religiös-sittliche Leben zu wecken, auf die verschiedenste Weise gehindert. In
den meisten Gegenden Deutschlands ist das allgemeine Priestertum der Gläubigen
ein frommer Wunsch. Hausandacht, Bibellesen, Gebet sind unbekannte Dinge,
und die Kinder kommen vielfach ohne alle religiöse Borstellungen in die Schule.
Ferner widersetzen sich die Geistlichen oft hartnäckig auch den dringlichsten Re
formen auf dem Gebiete des Religionsunterrichts, wie die Schulbibelfrage beweist.
Dadurch ist der Religionsunterricht in Auswahl und Anordnung, in Lehrverfahren
und Lehrmitteln hinter andern Fächern zurückgeblieben. Aber schlimmer als diese
und andre Umstände wirkt es doch, daß der Lehrer wegen übermäßiger Schüler
zahl die Individualität der einzelnen Zöglinge in religiöser Hinsicht weder ge
nügend erforschen noch eingehend berücksichtigen kann. An dem letzteren hindert
ihn überdies der durch die gesetzlichen Bestimmungen vorgeschriebene Gang, der
ein bestimmtes Pensum religiösen Wissens schon für die Unterstufe verlangt,
während doch in den meisten Fällen erst der Grund für das religiöse Gedanken
gebäude gelegt werden müßte, der die Aneignung von Glaubenssätzen „dem
Wortlaut nach" zu einer Zeit fordert, wo die Kinder noch nicht fähig sind, sich
dieselben aus den Thatsachen der heiligen Geschichte durch eigene Geistesthätigkeit
zu erarbeiten. Kommt dazu noch eine verkürzte Schulzeit und eine daraus
folgende Vernachlässigung aller Fächer, so wird es klar, daß beispielsweise bei
mangelhaftem Sprachunterrichte der Schüler außer stände ist, die Bibelsprache
Luthers in die hochdeutsche Sprache des Lehrers, und diese wieder in die eigene
niederdeutsche Sprache zu übersetzen. Dies alles hindert die Erzeugung eines
lebhaften, religiösen Interesses, und daraus hauptsächlich erklären sich die leeren
Kirchen, die geringe Teilnahme der Jugend an den Katechisationen, der ab
nehmende Abendmahlsbesuch, kurz der religiöse Jndifferentismus. Darum ist es
unzweifelhaft: Volle Schulen — leere Kirchen.
Bei einiger Kenntnis von dem wirklichen Zustande unserer Schulen wird
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