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I. Abteilung. Abhandlungen.
man auch die Hoffnung aufgeben müssen, durch sie zur Bekämpfung der Social
demokratie beitragen zu können. Zunächst ist es klar, daß Ubelstände auf socialem
Gebiete in erster Linie durch sociale Reformen, nicht aber durch pädagogische
Maßnahmen beseitigt werden müssen. Allerdings müssen jene Reformen Ver
ständnis finden, weil sie zu ihrer Ausführung willige Kräfte brauchen. Diese
Kräfte zu erzeugen resp. die vorhandenen zu stärken ist hauptsächlich eine Auf
gabe der Erziehung, und in diesem Sinne genommen ist die sociale Frage aller
dings auch eine Erziehungssrage. Nur muß man das Wort Erziehung in wei
terem Sinne fassen und darunter nicht nur die Schulerziehung, sondern auch
Familien- und Volkserziehung verstehen. Da die beiden letztgenannten Arten der
Erziehung bei den niederen Volksschichten fast gänzlich im argen liegen, so wäre es
um so mehr geboten, der Schulerziehung eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Gewiß würde es für die Bekämpfung religiöser Strömungen von großem Vor
teile sein, wenn es den Schulen gelänge, ein intensives gleichschwebend vielseitiges
Interesse in ihren Zöglingen zu erwecken, das sich unter anderm auch in dem
religiösen und patriotischen Sinn derselben äußern würde. Wenn höhere und
niedere Schulen in gleichem Maße die erziehlichen Wirkungen ihres Unterrichts,
von denen oben (S. 96) geredet worden ist, stetig zu erhöhen suchten, so würde
sicher in den höheren Ständen die Opferwilligkeit, in den niederen die Kraft
zur Selbsthilfe und damit die Zufriedenheit eine Zunahme erfahren. Dazu ge
hörte aber, daß die erziehliche Aufgabe der Schulen, besonders der niederen
Volksschulen, nicht nur äußerlich anerkannt würde, sondern daß man als not
wendige Folge jener Anerkennung den Schulen der unteren Volksklassen auch die
Mittel gewährte, ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht zu werden. Man müßte
nicht nur den Lehrern dieser Schulen eine pädagogisch-wissenschaftliche Bildung
geben und sie durch sachverständige Vorgesetzte beaufsichtigen lassen, sondern sie
auch auskömmlich besolden und nicht mit Schülern, Schulstunden und Arbeiten
überhäufen. Allein unter gegenwärtigen Verhältnissen leistet die Halbbildung,
die unsere Volksschulen infolge mangelnder Pflege verbreiten, der Socialdemokratie
eher Vorschub, als daß sie ihr Abbruch thut. Lesen lernen unsere
Schüler wohl. aber nicht in gleichem Maße denken. Wie begreiflich
also, daß sie die Trugschlüsse revolutionärer Flugblätter später nicht merken und
den Hetzreden der Agitatoren zujubeln, sobald ihnen nach Entlassung aus der
Schule dazu Gelegenheit gegeben wird. All die schönen Konserenzvorträge über
die Frage: Was kann die Schule gegen die Bestrebungen der Umsturzparteien
thun? haben diesen selbst nicht viel geschadet, weil die meisten der mit so viel
wahrem qder erheucheltem Patriotismus aufgestellten Vorschläge bei dem jetzigen
Zustande der Schulen unausführbar sind. und weil die Schule allein ohne eine
gründliche Socialreform nichts ausrichten kann. Im Gegenteil dienen die offen
kundigen Schäden des Schulwesens den Agitatoren selbst als beliebte Waffe, um

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