108
I. Abteilung. Abhandlungen.
Fragen wir endlich noch nach den Folgen dieser Zustände für die Lehrer,
so ist zweierlei gewiß. Überfüllte Schulen und unvollkommene
Schuleinrichtungen drücken den Mietling am wenigsten, den
treuen Lehrer am meisten. Jener bringt die Schulzeit hin so gut es
geht, und fragt wenig nach Erfolgen. Er denkt: „So schlecht, daß man mich
absetzen muß, steht es bei mir nicht, und das andre ist mir gleichgiltig." x )
Sein Amt faßt er aus als ein Hirtenamt, d. h. er hält die Herde in Ord
nung, so gut es geht und läßt sie weiden, so viel sie mag, ohne sich sonderlich
dabei abzumühen. Wer etwas lernen will, der lerne, wer's nicht will, möge es
bleiben lassen. Solch ein Lehrer hat in seiner überfüllten Schule
die herrlichste Entschuldigung für geringe Leistungen. „Bei so
viel Kindern, bei so wenig Stunden kann keiner etwas schaffen!" mit diesen
Worten wird der Revisor leicht zum Schweigen gebracht. „Schaffen Sie mir
erst bessere Schulverhältnisse, dann werde ich auch so viel erreichen als jeder
andre!" Da die Schulaufsichtsbehörden dazu in der Regel nicht fähig sind, so
lassen sie dann fünf gerade sein und treten hinter allgemeinen Ermahnungen den
Rückzug an. Der gewissenlose Lehrer aber freut sich seiner überfüllten Schule
noch aus andern Gründen. Ihre geringen Erfolge nötigen ja die Eltern, ihren
Kindern fleißig Privatstunden geben zu lassen. Das schafft guten Nebenverdienst.
Auch hat man einen schönen Vorwand, bei der Gemeinde um Zulage für Mehr
arbeit einzukommen, die dann aus Furcht, der Lehrer möchte die Anstellung
eines neuen Kollegen mit Ernst betreiben, gewöhnlich gewährt wird. Diese und
ähnliche Gründe veranlassen gewissenlose Lehrer sogar, die Fortdauer von Halb
tags- oder Zweidrittelschulen noch zu begünstigen. Anders der treue, christlich
gesinnte Lehrer. Er weiß sich verantwortlich für jede junge Menschenseele, die
seiner Obhut übergeben wird. Keine soll verloren gehen oder verkümmern.
Darum wendet er seine Sorgfalt besonders denen zu, die arm an Geist, an
Religiosität und Sittlichkeit sind. Er weiß, daß es wahre Nachfolge des
Heilandes bedeutet, wenn ein Lehrer für diese Armen Opfer bringt. Und nun
sieht er sich in einer überfüllten Schule vor die traurige Wahl
gestellt, enttveder seine Gesundheit zu ruinieren oder die
Grundsätze eines christlichen Lehrers zu verleugnen. Allerdings
geschieht letzteres nicht plötzlich und ohne Kampf. Nach dem Grundsätze, daß
über sein Können hinaus niemand verpflichtet sei, versucht der Lehrers zuerst das
Mögliche. Mit der sinkenden Kraft wird die Sorge für die schwachen Schüler
immer geringer; endlich tritt Gleichgültigkeit an die Stelle des früheren
Eifers und nur dann und wann noch regt sich der Schmerz, die Kinder der
Ärmsten unseres Volkes nicht aus der Nacht ihrer Unbildung reiten zu können.
0 Authentischer Ausspruch eines obendrein ziemlich gut besoldeten Lehrers.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.