Die Überfüllung der Schulklassen in Preußen rc. 109
Ost bringt es der Lehrer jedoch nicht über das Herz, so zu handeln, setzt die
Rücksicht auf das eigene Ich außer acht und kämpft gegen die widrigen Ver
hältnisse, bis Krankheit oder Tod ihm Halt gebieten. Man glaube doch ja
nicht, daß diese Fälle selten seien. Die große Zahl der Lehrer, die wegen
Krankheit zeitweilig dispensiert oder frühzeitig pensioniert werden müssen, sowie
das niedrige Durchschnittsalter der Lehrer sprechen dagegen und es ist schade,
daß keine statistischen Erhebungen über die speciellen Ursachen von Erkrankung
oder frühem Tode der Lehrer vorhanden sind. Vermutlich würde übermäßige
Schülerzahl darunter nicht die letzte Stelle einnehmen. Nun berücksichtige man
dazu, daß überfüllte Schulklassen sehr oft jungen Lehrern gegeben werden, die
eben das Seminar verlassen haben! Da erstirbt dann in der Schwere der
pädagogischen Aufgabe das Streben nach gediegenen Leistungen, noch ehe es
recht geboren ist und die angewöhnte Weise oberflächlichen Unterrichtens, zu der
die ungünstigen Verhältnisse zwangen, wird auch in günstigeren fortgesetzt. Zu
verwundern bleibt es endlich, daß Kenner unseres Schulwesens, wie Herr Geheim
rat Schneider, sich über die geringen Leistungen bei den revisorischen Prüfungen
wundern. Die überfüllten Klassen, die man ja mit Vorliebe „frischen Kräften"
überträgt, lassen zu Arbeiten für ein Examen wenig Zeit und Kraft übrig.
So stirbt in dem Elend unserer Schulverhältnisse entweder der Lehrer selbst
oder seine Tüchtigkeit und Treue. Daher wird es begreiflich, warum unter
solchen Umständen die Früchte unseres Volksschulwesens den Aufwendungen für
dasselbe keineswegs entsprechen. Mit Recht betont das Centralblatt, „daß die
Aufgabe der Volksschule in überfüllten Klassen nicht gelöst werden kann und
daß die Opfer an Geld der Eltern und an Zeit der Kinder in solchen mehr
oder weniger verloren sind." Dem ist nur noch hinzuzufügen, daß über
bürdete und mangelhaft besoldete Lehrer weder einen gediegenen Unter
richt erteilen, noch ihren Unterricht durch Veranstaltungen der Zucht ergänzen
können, daß sie weder die Familien- und Volkserziehung unmittelbar
fördern, noch an den dahinzielenden Unternehmungen des Staates und
der kirchlichen und bürgerlichen Gemeinden lebhaften Anteil nehmen können,
weil es ihnen dazu an Zeit, Kraft, Geld und vielen andern Dingen fehlt.
Darum hinke man nicht länger auf beiden Seilen, indem man hohe Dinge
von der Schule fordert, aber nur Halbes und nichts Ganzes für sie thut.
Gott sei Dank, daß an der Spitze unseres preußischen Unterrichtswesens ein
Mann steht, der den mangelhaften Zustand unserer Volksschulen erkennt und
diese Erkenntnis nicht nur rückhaltlos ausspricht, sondern auch ihr entsprechend
handelt. „Die Regierung erkennt in den Vorschriften des Gesetzes mehr und
mehr die Gefahr eines Stillstandes und Zerfalls einer einheitlichen Entwick
lung nicht bloß des Lehrerbesoldungswesens, sondern auch unseres gesamten
Volksschulwesens." So sprach Herr Kultusminister Bosse bei Gelegenheit der

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