Lesefrüchte.
125
Ich glaube steif und fest, daß in diesen Tagen der Teufel sich des Jnspirations-
und Kritikbegriffs bedient, um die Gemeinde der Erlösten in zwei Lager zu
zersprengen.
Dr. jur. Herm. Christ, Am Wasser Mara S. 23 (In Bezug auf den
Streit um die Schriftfrage in der Baseler Missionsgemeinde). Basel, Detloffsche
Buchhandlung, 1895.
Beweist sich das Gelesene an unserm Herzen als Gottes Wort, so ist diese
Erfahrung eine unmittelbare Wirkung des göttlichen Geistes, nicht das Resultat
einer historischen Untersuchung. Unser Glaube ist also in gewissem Sinne un
abhängig vom litterarischen Bestand und Befund. Wir alle erbauen uns an
dem König unter den Propheten, an Jesaias, diesem Evangelisten des alten
Bundes. Erklärt uns nun ein gläubiger Theologe, der sonst unser Vertrauens
mann ist, seine Forschung habe ihn darauf geführt, die Abfassung von Kap.
40—66 in eine spätere Zeit zu setzen, so erschreckt uns das nicht ....
Wenn mir ein Heilmittel zur Gesundheit verholfen hat, soll mich das an
meiner Genesung oder an der Kraft des Heilmittels irre machen, wenn ich nach
träglich entdecke, daß die aufgeklebte Etikette nicht die richtige war?
Schweizerisches Evangel. Schulblatt, Bern (auch anläßlich des
genannten Streites) 1895, Nr. 4, S. 46 f.
Es war gewiß ein schlimmer Fehler, daß man bei der Begründung der
evangelischen Theologie im 16. und 17. Jahrhundert sich auf die Verbal
inspiration gestützt und die fromme Laienwelt bis heute in diesem Glauben ge
lassen hat. Man hätte wie Christus und die Apostel das Alte Testament, so
die ganze heil. Schrift als Gottes Wort brauchen können, ohne über ihre ab
solute Jrrtumslosigkeit ein Dogma aufzustellen, das dem forschenden Geiste wie
dem einfältigen Wahrheitssinn nicht stand hält. In weiser Erkenntnis haben die
Reformatoren solche Aufstellungen in den Bekenntnisschriften vermieden. Erst die
Epigonen sind auf diesen falschen Weg getreten; die Klassiker der lutherischen
Kirche finden wir auf demselben nicht. Dann hat bei der Erneuerung der gläu
bigen Theologie noch mehr der Mut als die Erkenntnis gefehlt, den Laien über
den Sachverhalt reinen Wein einzuschenken.
Stöcker, Evangel. Kirchenzeitung 1895, Nr. 6, S. 38.
So viel für heute. Es sind das alles Zeugnisse unserer besten, positivsten
Theologen oder Laien, den Lesern dargeboten nicht zur Beunruhigung, wohl aber
zu erneuter ernster Besinnung über dies Problem, das unsere Christenheit wieder
so tief erschüttert. Der christliche Laie, namentlich aber der Lehrer, wie auch das
Citat aus dem Schweizer. Schulblatt zeigt, hat die heilige Pflicht, sich mit dieser
Frage auseinanderzusetzen, um bei ehrlicher Anerkennung gewissenhafter wissen
schaftlicher Forschung sich doch in seinem Glaubensstande völlig unabhängig von
aller Kritik zu machen.
Sollte es geraten erscheinen, so komme ich gerne auf diese große Frage im
Zusammenhange zurück, und sehe zu dem Zwecke etwaigen Winken, Fragen, Ein
wendungen gern entgegen.
Bielefeld. v. Rohden.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.