Aus dem Nachlasse f F. W. Dörpfelds rc.
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tretende Gesinnung gewürdigt werden. Im ersten Falle ist es die Klug
heit, welche taxiert wird; im zweiten Falle die technische Geschicklich
keit, also in beiden Fällen eine rein intellektuelle Fähigkeit. Im dritten
Falle, wo auf die in der Handlung sich offenbarende Gesinnung der Blick
gerichtet wird, haben wir das sittliche Urteil. Wie man sieht, ist das
selbe von jenen beiden Arten der Urteile scharf geschieden. Die sittlichen
Urteile wollen wir jetzt näher ins Auge fassen.
Dieselben kommen ohne Zweifel nicht minder häufig vor als die Ur
teile über die intellektuellen Seiten einer Handlung. Wer in den gesell
schaftlichen Gesprächen darauf achtet, falls die Rede sich um Personen dreht,
kann sie in Hülle und Fülle auflesen. In der Regel wird man mehr
kritische als anerkennende Urteile zu hören bekommen. Ob nun daraus
geschlossen werden darf, daß die tadelhaften Handlungen zahlreicher seien
als die löblichen; oder ob darin sich kund giebt, wie andere meinen, daß
das menschliche Herz lieber tadele, als lobend anerkenne — was dann jene
erste Ansicht nur bestätigen würde, da die „böse" Zunge eben verrät, daß
das Herz böse ist — wollen wir vorläufig dahingestellt sein lassen. Jeden
falls ist aber noch ein anderer Grund mit im Spiele, der deutlich besehen
werden kann. Die sittlich korrekten Handlungen werden gleichsam als selbst
verständlich hingenommen, wie sie ja auch eigentlich selbstverständlich sein
sollten; die inkorrekten dagegen lenken durch ihr Abweichen von der Schnur
die Aufmerksamkeit auf sich und fordern somit eben die Kritik heraus.
Unsere Sprache ist sehr reich an Ausdrücken, welche aus den sittlichen
Urteilen herstammen. Man denke nur — abgesehen von den allgemeinen
Begriffen: Sollen, Pflicht, Tugend, Laster u. s. w. — an die lange
Reihe der Adjektive, welche specielle, sittliche Charakterzüge bezeichnen, wie:
liebevoll, gütig, uneigennützig, barmherzig, sanftmütig, demütig, bescheiden,
edel, großmütig, hochherzig, gerecht, rechtschaffen, ehrlich, lauter, wahrhaftig,
treu, bieder u. s. w. — und die Gegensätze: lieblos, selbstsüchtig, hart
herzig, eigennützig, habsüchtig, geizig, ungefällig, ehrsüchtig, herrschsüchtig,
wortbrüchig, heuchlerisch, betrügerisch, verlogen, arglistig, niederträchtig u. s. w.
Wer sich die Mühe geben will, das ethische Sprachmaterial (Adjektive,
Substantive und Verben) aus den Litteraturwerken resp. aus deu Wörter
büchern zusammenzulesen, wird ein ansehnliches Register bekommen. I Der
Reichtum dieser Ausdrücke ist ein Beweis, daß das Ethische eine große
I Ich kann jedem Leser nur raten, sich ein solches Verzeichnis anzulegen und
dasselbe versuchsweise zu ordnen; es ist eine vortreffliche Vorübung zum Orientieren
auf diesem Gebiete. — Es ist auch eine nützliche Arbeit für die Schüler, selbst die
Mittelstufe kann sich schon daran versuchen. (Vgl. mein „Repetitorium der Gesell-
schaftskunde. 4. Aufl. S. 4 f.)
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