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I. Abteilung. Abhandlungen.
Rolle im Menschenleben spielt; so wie er andrerseits erkennen läßt, daß die
Ausgestaltung des Ethischen — gerade wie die des Ästhetischen in einem
Kunstwerke — sich aus einer Menge feiner und feinster Züge zusammensetzt.
Das sittliche Urteil kommt aber nicht bloß bei solchen Völkern vor,
die unter dem Einflüsse des Christentums stehen, sondern auch bei den
übrigen; desgleichen nicht bloß bei civilisierten Nationen, sondern auch bei
Naturvölkern, selbst bei den rohesten. Freilich steht bei den letzteren das
sittliche Gemerk noch auf einer niederen Stufe, gerade wie die übrigen
geistigen Fähigkeiten, welche über das sinnliche Auffassen hinausgehen; allein
so gewiß ein solcher Naturmensch eine Ohrfeige von einer Liebkosung unter
scheiden kann, so gewiß muß ihm allmählich merkbar werden, daß es unter
schiedliche Gesinnungen giebt.
Was wir nun bei den Menschen der Jetztzeit überall finden, das
findet sich auch bei denen der Vergangenheit, soweit die geschichtliche Kunde
zurückreicht. Alle Litteraturwerke aus früherer Zeit, welche von mensch
lichen Thaten und Schicksalen handeln —- gleichviel ob es geschichtliche
Berichte oder poetische Produktionen sind — enthalten auch zahlreiche sitt
liche Urteile der mannigfachsten Art. Ich will nur an einige alte Schrift
denkmäler erinnern, welche jedem zur Hand sind: an die bibl. Erzählungen
der Urzeit und Patriarchenzeit, wo die mosaische Gesetzgebung noch nicht
eingewirkt hatte, und an die homerischen Gedichte.
Das Werten der Handlungen nach der darin sich offenbarenden Ge
sinnung oder das sittliche Urteilen tritt somit überall auf, wo Menschen
gesellschaftlich leben. Es wird demnach für eine allgemeine Thatsache
gelten können. Ist es aber das, so muß die geistige Anlage dazu als
zum Wesen des Menschen gehörig betrachtet werden — gerade wie die
Anlage zum Ästhetischen und Logischen.
Diese sittlichen Urteile nun, wie sie in der Gegenwart und Ver
gangenheit in reicher Fülle vorliegen, sind für den Forscher das erste
natürlich und erfahrungsmäßig gegebene Material, um von
hier aus die Natur und .den Begriff des Sittlichen zu ermitteln und dann
weiter seine wahren Kennzeichen klar zu stellen.
Ich sage: das „erste" ersahrungsmäßige Material; denn es giebt
noch andere Erfahrungsthatsachen, die vom ethischen Gemerk der Menschen
Zeugnis geben, und sogar mehrfacher Art. Dieselben lassen sich in folgende
vier Klassen ordnen: 1. erziehliche Weisungen (oder Vorschriften,
Mahnungen, Lebensregeln), d. h. Weisungen, welche der Erzieher dem
Zöglinge giebt; (z. B. Man darf nicht lügen, nicht stehlen u. s. w.);
2. Sitten ethischer Art; 3. die Staatsgesetze; 4. sog. Weisheits
sprüche, wie z. B. die Sprüche Salomos. Als eine Thatsache fünfter

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