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Aus dem Nachlasse f F. W. Dörpfelds rc.
Art könnte man noch anführen, daß alle Religionen, deren Gottesbegriff
über der rohen Fetischvorstellung steht, in ihrer Lehre auch irgend welche
ethische Vorschriften geben. Begrifflich sind diese Vorschriften jedoch nichts
anderes als die erwähnten Erziehungsweisungen, nur mit der formellen
Änderung, daß sie nicht im Namen einer menschlichen Autorität, sondern
im Namen Gottes auftreten, also als Ausdruck des göttlichen Willens
gelten wollen. An der größeren und geringeren Reinheit der ethischen
Lehren eines solchen Religionssystems hat man immer ein sicheres Kenn
zeichen dafür, auf welcher Stufe hier der Gottesbegriff und das religiöse
Denken überhaupt steht. —
Wie sich später deutlicher zeige« wird, unterscheiden sich diese vier
resp. fünferlei neuen Thatsachen dadurch von den Einzelurteilen, daß sie
nicht wie diese primitive Äußerungen des ethischen Bewußtseins sind, son
dern abgeleitete, d. h. sie setzen die Einzelurteile voraus und sind aus
diesen als aus ihrer Quelle oder Wurzel hervorgegangen.
Die Erziehungsweisungen müssen da entstanden sein, wo die
erziehliche Aufgabe entsteht, in der Familie. Die Eltern wollen die Kinder
auf das, was sie selbst als löblich oder verwerflich erkannt haben, auf
merksam machen, und dieselben womöglich dahin führen, daß sie ihrerseits
ebenfalls in diesem Sinne urteilen und handeln. Da nun die Faniilie
die Urform der menschlichen Gesellschaft ist, so wird man die Erziehungs
weisungen als die geschichtlich älteste der abgeleiteten ethischen Thatsachen
ansehen dürfen.
Die ethischen Sitten lassen schon an einen größeren gesellschaftlichen
Verband denken, sei es auch nur die Sippe oder die Stammesgemeinschaft.
Sie setzten zweierlei voraus. Einmal dies, daß diejenigen ethischen Urteile,
welche diesen Sitten zu Grunde liegen, bereits von allen tonangebenden
Gliedern der Gemeinschaft anerkannt gewesen sind; und zum andern, daß
dieselben schon seit längerer Zeit in der Erziehung gehandhabt wurden und
zwar so nachdrücklich und übereinstimmend, daß niemand sich diesem Ein
flüsse entziehen konnte. Tacitus' bekannter Ausspruch über die alten Ger
manen : „bei ihnen gelten gute Sitten ebensoviel als anderswo gute
Gesetze", enthält daher nicht bloß ein Kompliment für die ethische Ge
sinnung unserer Vorväter, sondern auch für ihre Erziehungsweise.
Bei den Staatsgesetzen haben wir zunächst an die eigentlichen
Rechtsordnungen zu denken, nicht an diejenigen Satzungen, welche die Ver
waltung regeln (Verwaltungsordnung). Jene finden sich auch in den aller
einfachsten Anfängen des staatlichen Lebens, gleichviel ob sie bereits auf
geschrieben sind, oder bloß traditionell fortgepflanzt werden. Der Rechts
schutz ist eben das Bedürfnis, dem das Staatswesen seine Entstehung ver-

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